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Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 140, 4/2008
Übergänge in die Elternschaft
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 140
Mit Beiträgen von Burkhard Brosig, Franziska Lorenz-Franzen, Wolfgang Oelsner, Horst-Eberhard Richter, Maretta Steigenberger, Gisela Zeller-Steinbrich
1. Aufl. 2008
148 S., Pb.
19,90 €
Lieferbar

 

 

Inhalt


Vorwort

Gisela Zeller-Steinbrich
Fertilitätsbehandlung, Reproduktionsmotive und die Fähigkeit zur Elternschaft

Franziska Lorenz-Franzen
Schwere Geburt
Zur Psychodynamik der postpartalen Depression

Wolfgang Oelsner
Kopf- und Bauchgeburten
Adoptionselternschaft – reale Dynamik und Paradigma des Zeitgeists

Horst-Eberhard Richter
Flexibilität oder Elterlichkeit? Wohin entwickelt sich die Familie?

Burkhard Brosig
Biologie ohne Begehren
Kulturkritische Überlegungen zur Reproduktionsmedizin

Forum
Maretta Steigenberger
Moderne Medien und Ich-Entwicklung

Buchbesprechungen



Abstracts


Gisela Zeller-Steinbrich
Fertilitätsbehandlung, Reproduktionsmotive und die Fähigkeit zur Elternschaft

Der Beitrag behandelt die psychodynamischen Hintergründe des drängenden Kinderwunschs und des zwingenden Wunsches nach Fertilitätsbehandlungen. Die psychoanalytische Literatur zum Thema wird reflektiert und die Frage der Psychotherapie in Fällen ungewünschter Kinderlosigkeit kritisch diskutiert. Bewusste und unbewusste Motive für den Wunsch nach einem Kind und unbewusste Vorstellungen von Elternschaft, die der Anwendung von Fertilitätstechniken zugrunde liegen, werden dargestellt und in einem psychosozialen Zusammenhang betrachtet. Es folgt eine Übersicht über die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit und über die verbreiteten Fertilitätsbehandlungen sowie deren Risiken. Die Autorin plädiert für eine »generative Vernunft«, die den Kinderwunsch relativiert und statt dem »Recht aufs eigene Kind« das Recht des Kindes in den Mittelpunkt stellt. Sie tritt der zunehmenden Tendenz entgegen, die Fortpflanzung unter dem Primat der Biologie zu betrachten.


Franziska Lorenz-Franzen
Schwere Geburt
Zur Psychodynamik der postpartalen Depression

Unter Berücksichtigung vorliegender psychoanalytischer Literatur wird die postpartale Depression als Reaktion auf die Geburt vorgestellt, die von einer normalen Schwankung bis zu einer schweren Störung reichen kann. Die Autorin argumentiert, dass eine Mutter in der Zeit des Wochenbetts eine intensive Trauerarbeit zu leisten hat, in welcher sie die Diskrepanz zwischen phantasmatischen Bildern über das eigene Kind, die Schwangerschaft, die Geburt und die Mutter-Kind-Beziehung mit der erlebten Realität in Einklang bringen muss. Die normale Entwicklungskrise wird dann zur pathologischen Störung, wenn die Trauerarbeit nicht geleistet werden kann, weil an Idealisierungen festgehalten werden muss. Eine Entwicklungslinie der Mütterlichkeit wird nachgezeichnet und an einem Fallbeispiel die Argumentation plausibel gemacht. Entlang der Riten anderer Kulturen wird die Bedeutung eines symbolischen Schutzraumes und die Funktion eines Dritten (»Couvade«) für das dyadische Paar aufgezeigt. Intensive analytische Kriseninterventionen bei neurotischen oder psychotischen postpartalen Krisen im ambulanten oder stationären Setting haben eine günstigere Prognose als depressive Erkrankungen es zu anderen Zeitpunkten haben. Sie können eine bereits mehrere Generationen umfassende chronisch depressive Entwicklung durchbrechen.


Wolfgang Oelsner
Kopf- und Bauchgeburten
Adoptionselternschaft – reale Dynamik und Paradigma des Zeitgeists

Elternschaften im Adoptionsverhältnis sind frei von biologischen Bindungen. Die Freiheit von archaischen Festlegungen auf »Blutsbande« kann Kräfte zur Bewältigung der sozio-biologischen Sonderaufgabe »Adoption« mobilisieren. Sie kann auch zu einer Euphorie der Machbarkeit und Steuerbarkeit verleiten. Nach anfänglicher Bestätigung erlebt die »Omnipotenz« des Kopfes in den Interaktions- und Identifi kationsprozessen der Eltern-Kind-Beziehung Begrenzung und Ohnmacht. Jede Elternschaft verlockt zur narzisstischen Selbstbesetzung. Sie kann bei einer Adoption durch »Menschen formende oder rettende Einflussnahme« eine Bedeutungssteigerung erfahren. Die ist Eltern jedoch nicht als primäres Motiv zu unterstellen. Im Beitrag wird sie als immanent angelegte Konstellation des Artefakts »Kindesannahme« dargestellt. Fordernde bis überfordernde Erfahrungen in der Beziehungsaufgabe aktivieren seitens der Eltern Abwehrmechanismen wie Intellektualisierung, Affektisolierung, Spaltung und Idealisierung der eigenen Aufgabe. Manifestiert können sie zu Bruchstellen der Beziehung werden. Sie zu wissen und zu erkennen schützt, in eine Übertragungsfalle von »Macht und Ohnmacht« zu geraten. Die Dynamik in Adoptionsverhältnissen wird schließlich als Paradigma zeitaktueller Auffassungen auch von leiblichen Elternschaften diskutiert, wie sie durch neue medizinische Techniken ermöglicht wird. Spät- oder In-vitro-Schwangerschaften, Pränataldiagnostik, Begehrlichkeiten nach »Gen-Doping« sowie der gesellschaftliche Einstellungswechsel hinsichtlich »Krippensozialisation« und intellektueller Frühförderung implizieren ebenfalls Machbarkeitshoffnungen. Erfahrungen aus Adoptionselternschaften können hilfreich im Umgang mit den zu
erwartenden Begrenzungen sein.


Horst-Eberhard Richter
Flexibilität oder Elterlichkeit? Wohin entwickelt sich die Familie?

Ausgehend von einem persönlichen historischen Rückblick vom Dritten Reich über die Nachkriegszeit, den sozialen Aufbruch der 1960er und 1970er Jahre, die Zeit der Konfrontation und Spaltung in die weltpolitischen Lager bis zu deren Überwindung in den 1990er Jahren zeichnet der Autor den Wandel der Bedeutung von Elterlichkeit nach. In der Nachkriegszeit bestand verantwortete Elternschaft in der Übernahme der eigenen Mitschuld an den neurotisierenden Einflüssen auf die nachfolgende Generation, um die transgenerationale Weitergabe von Traumata zu unterbrechen. Die sozialen Bewegungen brachen auf in Richtung solidarische Beziehungen; unter der Herrschaft des globalisierten Kapitalismus entstand dagegen das Leitbild der »Flexibilität«, das die familiären Grundbedingungen wie Verlässlichkeit und Verpfl ichtung untergrub. Der Autor hält eine kulturelle Umdefinierung von Männlichkeit und Weiblichkeit für notwendig. Elterlichkeit sei die Reifestufe eines umfassenden Verantwortungssinnes, nicht allein für die Zukunft der Kinder, sondern auch für elementare Bedürfnisse von Menschen und Gruppen überhaupt. Elterlichkeit bestehe in einem »gemeinsamen Fortschreiten beider Geschlechter in einem Prozess der Humanisierung.«


Burkhard Brosig
Biologie ohne Begehren
Kulturkritische Überlegungen zur Reproduktionsmedizin

Menschliche Generativität amalgamiert intrapsychisch wie familiendynamisch divergente Motive. Neben dem narzisstischen Zugewinn, die eigene genetische Basis reproduziert zu sehen, lagern sich, im Idealfall, weitere Motive an, die mit erotischem Begehren, Wünschen nach Objektbeziehung und Anpassung an historisch-gesellschaftliche Normen verbunden sind. Anhand einer Falldarstellung zur heterologen Insemination wird das Auseinanderfallen dieser Motive beleuchtet und kritisch hinterfragt. »Biologie ohne Begehren« wird dabei zu einer Metapher entsublimierter Generativität, deren Komponenten im Kontext moderner Reproduktionsmedizin auseinanderzudriften drohen.

 

 

 
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