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Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 134, 2/2007
Störungsbilder und Behandlungstechnik
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 134
Mit Beiträgen von Gertraud Bechtler, Peter Fonagy, Anna-Maria Hüls-Wissing, Ellen Lang-Langer, Theo von der Marwitz, Gisela Ripke, Brigitte Rippe, Gerd Rudolf, Rosemarie Schmitt-Thatenhorst, Gisela Zeller-Steinbrich, Mechthild Zeul
1. Aufl. 2007
160 S., Pb.
19,90 €
Lieferbar

 

Inhalt


Vorwort

Gisela Zeller-Steinbrich
»Weh’, meine Mutter reißt mich ein«
Die psychoanalytische Behandlung schwerer Störungen der Persönlichkeitsentwicklung

Ellen Lang-Langer
Der durch frühe Kränkungen aufgeladene ödipale Wunsch in der Übertragung

Peter Fonagy
Der Interpersonale Interpretationsmechanismus (IIM)
Die Verbindung von Genetik und Bindungstheorie in der Entwicklung

Gerd Rudolf
Strukturbezogene Psychotherapie:
Klinisch-therapeutische und entwicklungspsychologische Grundlagen

Gertraud Bechtler / Anna-Maria Hüls-Wissing / Theo von der Marwitz (Redaktion) / Gisela Ripke / Brigitte Rippe / Rosemarie Schmitt-Thatenhorst
Zwangserkrankungen
Diskussionsentwurf für eine psychoanalytische Leitlinie

Film und Psychoanalyse
Mechthild Zeul
Weiblicher Fetischismus im Film
Eine psychoanalytische Interpretation von Das Piano (Jane Campion, 1993)



Abstracts


Gisela Zeller-Steinbrich
»Weh’, meine Mutter reißt mich ein«
Die psychoanalytische Behandlung schwerer Störungen der Persönlichkeitsentwicklung

Kinder mit sogenannten externalisierenden Störungen erfüllen oft die Kriterien einer Persönlichkeitsstörung im Kindesalter. Sie weisen gehäuft frühe Traumatisierungen auf. Das Ausmaß der negativen Affekte als Folge der Verletzungen übersteigt bei weitem die Verarbeitungsmöglichkeiten und die Impulskontrolle der betroffenen Kinder. Der Kampf gegen die Desintegration im Alltag macht sie untragbar für ihre Umgebung und führt zu neuen Beziehungsabbrüchen mit retraumatisierender Wirkung. Auch in der Psychotherapie dieser Kinder besteht in der Wiederholung die Gefahr eines Abbruchs. Das Vertrauen in die Welt und in menschliche Beziehungen ist tief gestört, ebenso die Entwicklung von Trennungstoleranz (Objektkonstanz). Aber auch Wahrnehmung und kognitive Entwicklung werden durch die dauerhafte Beeinträchtigung in der narzisstischen Besetzung des Selbst schwer beeinträchtigt. Da die frühen Beziehungserfahrungen nicht symbolisch repräsentiert sind und nicht bewusst erinnert werden können, da ferner die Fähigkeit zu spielen erst erworben werden muss, steht für lange Zeit im Mittelpunkt der psychoanalytischen Arbeit die Wiederholung und Inszenierung des traumatischen Erlebens der Trennung. Der Beitrag zeigt, wie die Entstehung eines intermediären Raums gefördert werden kann und illustriert an zwei Beispielen den Umgang mit Übergangsphänomenen bei der Entwicklung von Symbolisierungsfähigkeit. Ein wichtiges, wenn auch oft schwer erreichbares Ziel der Behandlung ist die Herstellung einer lebendigen inneren Beziehung zum Vater, die es erst ermöglicht, sichere Beziehungsgrenzen auch zur Mutter zu errichten. Hinter dem ohnmächtigen Hass auf den Vater und dem Selbsthass dieser Kinder können, wenn es gut geht, eingefrorene liebevolle Gefühle zugänglich werden.


Ellen Lang-Langer
Der durch frühe Kränkungen aufgeladene ödipale Wunsch in der Übertragung

Frühe narzisstische Kränkungen laden die ödipale Szene auf und drohen deren Bearbeitung unmöglich zu machen. Die sich daraus ergebenden Übertragungs und Gegenübertragungsschwierigkeiten werden anhand zweier Fallberichte beschrieben.


Peter Fonagy
Der Interpersonale Interpretationsmechanismus (IIM)
Die Verbindung von Genetik und Bindungstheorie in der Entwicklung

Fonagy legt dar, dass die Entdeckung genetischer Einflüsse das Interesse am Psychologischen und Sozialen massiv untergraben und einen ohnehin bereits starken Trend zum biologischen Reduktionismus verstärkt hat. Er setzt sich mit Forschungsergebnissen auseinander, die die zentrale Rolle der genetischen Komponente zu belegen suchen, und kommt zu dem Schluss, dass die Verhaltensgenetik lediglich die beobachtbare, objektive Umwelt untersucht. Bei Menschen wird aber die Umwelt nicht durch den tatsächlich physikalischen Kontext, sondern durch subjektives Erleben definiert. Dieses subjektive Erleben schlägt sich in einem sekundären symbolischen Repräsentationssystem für innere, mentale Zustände nieder. Initiiert wird der Aufbau dieses Repräsentationssystems durch die Internalisierung der empathischen Spiegelungsreaktion, die die Mutter auf den Kummer des Säuglings zeigt. Sie mündet in der Entwicklung des Interpersonalen  Interpretationsmechanismus. Fonagy führt des Weiteren Studien an, die den Zusammenhang zwischen positiven interpersonalen Erfahrungen, die auf einer sicheren Bindung basieren, und der Entwicklung des IIM belegen. Abschließend verweist Fonagy auf die Bedeutung des IIM für die Psychotherapie.


Gerd Rudolf
Strukturbezogene Psychotherapie:
Klinisch-therapeutische und entwicklungspsychologische Grundlagen

Die Theorie der psychoanalytischen Behandlung bezieht sich auf psychoanalytische Modelle der Persönlichkeit und ihrer Störung. Im Laufe der psychoanalytischen Geschichte haben sich die Konzepte von Persönlichkeit und Störung weitaus stärker entwickelt als das im Kern gleich gebliebene Behandlungskonzept. Nachdem lange ein psychoanalytisches Verbot zu bestehen schien, Befunde aus Nachbarwissenschaften zur Kenntnis zu nehmen und zur Plausibilisierung eigener Ansätze zu nutzen, beginnen nun die Erfahrungen der empirischen Entwicklungspsychologie, speziell der Säuglingsforschung und die Befunde der Neurophysiologie, Eingang in die Psychoanalyse zu nehmen und Auswirkungen auf die Theorie und Praxis der Behandlung zu zeigen. Auf dieser Grundlage lassen sich strukturelle Störungen, d. h. Beeinträchtigungen der affektiven Selbstregulierung und der Beziehungsgestaltung (z. B. Borderline- Persönlichkeitsstörungen) als früh bedingte Entwicklungsstörungen struktureller Regulationsfunktionen verstehen und müssen nicht auf hypothetische, unbewusste Konflikte zurückgeführt werden. Strukturbezogene Psychotherapie, speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen angewendet, bezieht sich in der therapeutischen Haltung und der Behandlungstechnik nicht auf die Entwicklung und Durcharbeitung einer Übertragungsbeziehung, sondern auf die Förderung struktureller Funktionen. Sie verzichtet auf psychoanalytische Techniken der Deutung, speziell der Übertragungsdeutung (die von strukturell beeinträchtigten Patienten nicht genutzt werden kann) zugunsten spiegelnder und antwortender Interventionen bei nicht regressiver Prozessgestaltung. Positive therapeutische Erfahrungen werden durch Parallelentwicklungen wie z. B. mentalization based treatment von Bateman und Fonagy bestätigt. Im diesem Beitrag werden die Zusammenhänge von Befunden zur Persönlichkeitsentwicklung, Störungskonzepten und Behandlungstechnik am Beispiel der strukturbezogenen Psychotherapie diskutiert.

 

 

 
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