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Freyberg, Thomas von
Dein Reich komme!
Doch was bleibt, nachdem es ausblieb?
1
Großoktav, Paperback
39,90 €
ISBN 9783955582937

Lieferbar

Thomas von Freyberg ist ein faszinierendes Spätwerk gelungen. In einem fulminanten Bogen untersucht er das jüdische und christliche Heilsversprechen bis in seine säkularen philosophischen Verästelungen in der Gegenwart. Er interpretiert dabei einen Jahrtausende alten religionswissenschaftlichen, philosophischen und auch soziologischen Diskurs, der latent in unserer Kultur und Gesellschaft präsent ist: Die Utopie von einer gerechten Gesellschaft der Gleichen und Freien! Einer der sechs roten Fäden führt schließlich zum vielleicht wichtigsten Thema des Werkes, der sich durch alle sechs Teile zieht und schließlich auch im Titel landet: Dein Reich komme! Die Utopie von einer gerechten Gesellschaft der Gleichen und Freien tauchte bei den Propheten Israels im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. auf und erklärte dort die drohende Katastrophe der beiden Königreiche Israel und Juda als Gericht Gottes. Im babylonischen Exil wurde diese Utopie zur großen Verheißung des alleinigen und einzigen Gottes der Welt für Israel und alle Völker. Festgehalten in der Heiligen Schrift lebte die große Verheißung weiter. Als Hoffnung, Sehnsucht und Bitte: Dein Reich komme! Und als Verzweiflung, Elend und Stachel: Was bleibt, nachdem es ausblieb? Es ist vor allem dieses Thema, das die Arbeit Freybergs weit über die ursprünglich konzipierten Grenzen hinaustrieb: über Luther zu den großen Aufklärern Spinoza, Lessing und Kant und schließlich zur Dialektik der Aufklärung Adornos und Horkheimers bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts.

 

 

 

Inhalt

Einleitung

Teil I Das sei ferne von dir! Ein alter Theologe und Atheist beim Aufräumen
Vorbemerkungen
1. Zur Geschichte Israels und der Bibel (TeNaK)
1.1 Wie die Bibel sich sieht und versteht
1.2 Abraham – Isaak – Jakob und seine Söhne
1.3 Israel in Ägypten, Exodus und Wüstenwanderung
1.4 Landnahme und Eroberung Kanaans
1.5 Ein goldenes Zeitalter? Königtum in Juda und Israel
1.6 Zwei ungleiche, feindliche Brüder (930–720)
1.7 Hiskia und Josia: eine theologische Reform?
1.8 ... oder nur ihr literarisches Vorbild?
1.9 Propheten: auf verlorenem Posten
2. Zur Theologie des Exils: Torarepublik oder Gottesstaat
2.1 Die theologische Erklärung der Katastrophe
2.2 Verheißung und Versprechen eines Neuanfangs
2.3 Die inklusive Gesellschaft von Freien und Gleichen ...
2.4 Himmel und Hölle – ganz irdisch und nah beieinander
2.5 Das doppelte Scheitern nach dem Exil
2.6 Torarepublik: ein letztes Mal und von oben
3. Die Krise der Theologie der Großen Erzählung
3.1 Das Elend der Welt
3.2 Ein Volkstrauerlied – Psalm 74
3.3 Anklage und Kündigung: Hiob
3.4 Alles ist eitel: Prediger
3.5 Eine kleine Utopie ganz ohne Theologie: Das Buch Jona
4. Antworten auf die Krise
4.1 Messianismus – Eschatologie – Apokalyptik
4.2 Auferstehung und ewiges Leben – Himmel und Hölle auf Erden
4.3 Oder: Anschluss an die Welt des Hellenismus
Nachbemerkungen
JHWH: eine erstaunliche Karriere

Teil II ... und was tust du für mich? Ein alter Theologe und Atheist auf Spurensuche
Vorbemerkungen
5. Was verloren ging... (Spurensuche I)
5.1 ... was tust Du für mich?
5.2 ... kein Blickin den Sarg des unbekannten Vaters
5.3 ... der verweigerte Abschied
6. Was da weiterlebte... (Spurensuche II)
6.1 ... die Wette: kein Gebet mehr 1957
6.2 ... keine freie Wahl eines Freien ... 1960
6.3 ... ein Gottesurteil ...1960/1961
6.4 ... was du angefangen hast ...
6.5 ... was da blieb
Nachbemerkungen
Gnade vor Recht – noch einmal Hiob
Wer hat sich hier zu rechtfertigen?
Was heißt da noch »Glaube«?
Fromme Gottlosigkeit – gottlose Frömmigkeit?
 
Teil III: ... von dort wird er kommen... Was aber bleibt, wenn er ausbleibt?
Vorbemerkungen
7. Die »große« und die »kleine« Erzählung
7.1 Fingerübungen zum Neuen Testament
7.2 Geschichte vorwärts erzählt und rückwärts »begriffen«
7.3 Die »große Erzählung« in der »kleinen Erzählung«
8. Der historische Jesus von Nazareth
8.1 Die Leben-Jesu-Forschung
8.2 Die Logienquelle (Q)
8.3 Das weiße und das schwarze Erbe
9. Paulus – der Begründer des Christentums
9.1 Ein kleiner Überblick
9.2 Paulus – ein radikaler Messianist?
9.3 Der gewendete Pharisäer
9.4 Gande vor Recht – und ...
9.5 Gespaltene Utopie – jetzt und demnächst
9.6 Erzengel mit Posaune – und – dies irae
9.7 Noch einmal: Rechtfertigung Gottes
9.8 Auch wenn es schwerfällt ...
10. Die »kleinen Erzählungen« der Evangelien als Antworten
auf das Scheitern der »großen Erzählung« der Schrift
10.1 Das Markus-Evangelium
10.2 Das Lukas-Evangelium
10.3 Das Matthäus-Evangelium
11. Apokalyptische Vorstellungen im frühen Christentum
11.1 Die kanonischen Briefe neben und nach Paulus
11.2 Die johanneischen Schriften
Nachbemerkungen
Das Böse ist immer und überall
Was also wäre da zu glauben? Und an wen?
Ein frommer Atheismus?
 
Teil IV: Ecclesia triumphans – Der Pakt mit der Macht oder Der Fürst dieser Welt
Vorbemerkungen
Der Berg der Versuchung und der Berg der Niederlage
Der Pakt mit der Macht
12. Der Untergang Roms und der Sieg des Christentums
12.1 Zur Krise des Römischen Reichs
12.2 Gegenbewegungen in der Krise (92–284)
12.3 Die Staatsreform und das neue Römische Reich
13. Der Fürst dieser Welt
13.1 Krise und Zusammenbruch: Gott und Welt
13.2 Luther – sein Gott und sein Satan
14. Sola scriptura – Allein die Heilige Schrift
14.1 Ein totalitärer Kampfbegriff
14.2 Gottes Wort in Menschenhand
Nachbemerkungen
 
Teil V: Reich Gottes – fast irdisch und aufgeklärt
Vorbemerkungen
15. Allein die menschliche Vernunft – Baruch de Spinoza
15.1 Der Beginn der historischen Bibelkritik – ein Überblick
15.2 Noch einmal: Sünde wider den Heiligen Geist
15.3 Das natürliche Licht und das göttliche Gesetz
15.4 Jedem Mündigen seine Bibel
15.5 Jenseits der Grenzen des natürlichen Lichts
15.6 Erste Schritte einer Kritik der Religion
15.7 Zur Kritik der herrschenden Theologie
15.8 Der Gott der Republik
16. Nur betrogene Betrüger – Gotthold Ephraim Lessing
16.1 Engelsglaube – Wunderglaube – Gottesdienste: der süße Wahn
16.2 Caritas oder: »der gutherzige Wahn«
16.3 Das Bündnis der Religion mit der Macht
16.4 Das Bündnis der Macht mit der Religion
16.5 Die fromme Raserei
16.6 Zwischenbemerkung zur Ringparabel
16.7 Die Frage der Ringparabel
16.8 und Lessings Antworten
17. Noch einmal: Reich Gottes auf Erden – Immanuel Kant
17.1 Aufklärung als Emmanzipation der Sittlichkeit
17.2 Die Religion innerhalb der Grenzen ...
17.3 Der Kategorische Imperativ
17.4 Ein letzter »Gottesbeweis«?
17.5 Moralische Pflicht – und – Glückseligkeit
17.6 Die Alternative: Reich Gottes ...
17.7 Die Nöte der zwei Umwälzungen
17.8 Afterglaube und Pfaffentum
18. Ein aufgeklärter Gott?
18.1 Die Gebote der Liebe und der Macht
18.2 Warum und wozu Religion und Theologie
Nachbemerkungen
Theologie ohne Gott und ohne Satan?
 
Teil VI: Kein Sinn, nirgends oder: die verratene Utopie
Vorbemerkungen
19. Zur Dialektik der Aufklärung (1944 / 1947)
19.1 Die finstere Seite der Aufklärung
19.2 Die gespaltene Vernunft
19.3 Zur Dialektik von Mitleid und Liebe
20. Was bleibt: Zur negativen Dialektik Adornos (1966)
20.1 Zur Demontage der philosophischen Systeme
20.2 Kein freier Wille in unfreier Gesellschaft
20.3 Keine moralische Gewissheit
20.4 Utopie ohne Hoffnung?
20.5 Kritische Theorie und empirische Sozialforschung
20.6 Flaschenpost – Adresse unbekannt
21. Zum Schluss: eine moderne, gottlose Religion?
21.1 Gesellschaft ohne Religion?
21.2 Eine neue dämonische Religion?
Nachbemerkungen
Zur Aktualität Schopenhauers
Pessimismus heute
 
Schlussbemerkungen am Ende einer langen Reise
Nachklang – Deutungen und Erwiderungen
1. Peter Bartelheimer
2. Werner Bohleber
3. Klaus Roos
4. Michael Wolff

 

 

 

Einleitung

Seit 18 Jahren bin ich im »Ruhestand« und tue seitdem das, was ich immer schon mit Freude getan habe, nun aber mit Zeit und in freier Wahl: lesen und schreiben. Mein Arbeitstitel für all das: Beim Aufräumen. Darum geht es dann immer auch. Alte Aktenordner werden noch einmal geöffnet, durchgesehen und – meistens – anschließend ausgedünnt, entleert und entsorgt. Oder beiseitegestellt und aufgehoben. Bücherregale werden durchforstet, Bücher werden aussortiert, zu den Büchertischen an der Uni gebracht; oder noch einmal beiseitegestellt für den Fall, dass ich sie doch noch einmal aufschlagen werde. Neue Aktenordner entstehen nicht mehr und neue Bücher sind seltene Ausnahmen. So baut sich ein »Rest« auf, und mein Aufräumen geht in Arbeit über. Dabei entstand zunächst (2010 bis 2016) Sperrgut – Zur Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zwischen 1969 und 1999. In diesem ehrwürdigen Haus verbrachte ich mein berufliches Leben (1968–2006) in der empirischen Sozialforschung, zunächst als HiWi, dann als technischer Angestellter und seit 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nach Abschluss meiner letzten Studie verließ ich meinen Arbeitsplatz und nahm etwa 50 Aktenordner der Mitarbeitervertretung im Institutsrat (MVIR) mit, für die niemand sonst Interesse zeigte: die Materialbasis für meine schon erwähnte Arbeit Sperrgut. Seit 2017 habe ich meine Aufräumarbeiten zeitlich weiter zurückverlagert – in die Jahre meines Studiums. Das war nicht Soziologie, was ich nie ordentlich studiert hatte, sondern evangelische Theologie (1960–1966) in Tübingen, Hamburg, Göttingen. Da ich schon am Ende meiner Schulzeit mich zum überzeugten Atheisten bekehrt hatte, war eine kirchliche »Laufbahn« von mir nie geplant. Nach dem ersten Staatsexamen und einem Jahr als Vikar im kirchlichen Dienst brach ich meine ungewollte »Karriere« in der Landeskirche Baden-Württemberg ab und kehrte nach Frankfurt am Main zurück. Seitdem war dieses »Kapitel« für mich abgeschlossen, bis 2017. Und seitdem lese ich mal wieder theologische und philosophische Texte; meist solche, die ich damals auch las und die unberührt die vergangenen 50 Jahre in den unteren Fächern meiner Bücherregale überlebt hatten. Meine Notizen von damals verblüfften mich und zeigten mir: Auch wenn ich heute mit deutlich anderen Augen diese theologischen Schriften lese, irgendwie bin ich mir »vertraut« geblieben. Ein paar neue, aktuellere Bücher kamen hinzu und mit ihnen eine weitere verblüffende Erfahrung: Bis heute macht mir soziologische Fachliteratur ziemliche Lesemühe – auch dort, wo ich mich fachlich kompetent glaube; theologische Fachliteratur jedoch »kann« ich immer noch, verstehe ich »wie von selbst«, ist mir vertraut – auch dort, wo sie in den letzten Jahrzehnten neue Wege eingeschlagen hat: Da kenne ich mich »irgendwie« aus, fühle mich halbwegs »zuhause«. Und die »anderen« Augen, mit denen ich heute lese, sind Augen mit größerem Abstand. Sah ich damals als Theologiestudent »den Wald vor lauter Bäumen« nicht, so lese ich heute meine Notizen in meinen alten Bibelausgabenzu den »Bäumen« mit erinnernder Verblüffung und sehe einen »Wald« mit neuen und neugierigen Augen. Es sind weiterhin die Augen eines »gelernten« Atheisten, doch mein Blick ist versöhnlicher geworden. Und das mag dann auch mit dem »Wald« zusammenhängen, der sich mir bei meinen Aufräumarbeiten neu erschlossen hat.

Über die Entstehung eines arg langen Manuskripts
Mein Leben lang habe ich geschrieben, viel und oft mit Freude und vor allem mit Neugier darauf, was da wohl beim Schreiben sich entwickeln mag. Denn beim Schreiben erst begriff ich; aber auch umgekehrt: erst dann, wenn ich etwas schreiben konnte, war es für mich auch begriffen. Kein Wunder also, dass sich der Blick zurück in meine Studentenzeit rasch ausweitete und es dann nicht bei den geplanten Aufräumarbeiten blieb. Am Anfang stand meine Neugier darauf, was sich wohl in den zurückliegenden 50 Jahren so in der theologischen Disziplin getan hat. Beim Schreiben dann meldeten sich alte, vergessene Fragen und Themen wieder zu Wort, Vergessenes, Abgelegtes und vor allem Offenes. Geblieben war – das werde ich noch einige Male betonen – der entschiedene Atheist von damals, nur der Eifer war milder geworden, und auch die Perspektive auf die alte jüdische und die neue christliche Religion und Theologie wie auf die Heiligen Schriften der beiden hatte sich gründlich verschoben; zu meiner Verblüffung. Der eine oder andere »rote Faden« war mir zu Beginn durchaus bewusst; da konnte ich an mein Theologiestudium anknüpfen. Andere kamen hinzu, besetzten mein Interesse und erwiesen sich als tragfähig und dominant. Einer dieser roten Fäden wurde schließlich zum vielleicht wichtigsten Thema, das sich durch alle sechs Teile des Manuskripts zog und schließlich nicht nur im Titel landete, sondern auch in meiner beruflichen Geschichte, über die ich in Sperrgut nachgedacht und geschrieben hatte. So kam es dann auch erst in letzter Zeit zu dem Titel meiner Arbeit: Dein Reich komme! Es ist vor allem dieses Thema, das meine Aufräumarbeiten über die ursprünglich gedachten Grenzen hinaustrieb: über Luther zu den großen Aufklärern Spinoza, Lessing und Kant und schließlich zur Dialektik der Aufklärung Adornos und Horkheimers. Ein zweiter roter Faden verknüpfte die erinnernde Beschäftigung mit meiner theologischen Vergangenheit in den sechziger Jahren mit dem Erinnern und Nachdenken des Alters über das eigene Leben, seine schönen und glücklichen Seiten, mehr aber noch: über die unerledigten, offenen Fragen und Themen meines Lebens. Wie kam es dazu, dass der junge Atheist, dem sich in den letzten Schuljahren gerade erst die große Welt kritischen Denkens zu öffnen begann, beschloss, Theologie zu studieren? Was trieb ihn dazu oder wer trieb ihn da an? Welche Rolle spielten meine christliche Herkunft und Erziehung, welche mein zu früh tödlich verunglückter Vater? Welche mein wichtiger Freund Hellmut Lessing, mit dem zusammen die Wahl gegen jeglichen Gott getroffen worden war und der – im gleichen Alter wie mein Vater – an Krebs starb? Es war dieser beim Nachdenken und Schreiben stets präsente rote Faden, der mir unmissverständlich deutlich machte: Wer über Religion oder Theologie etwas sagt, spricht – ob er will oder nicht, ob er es weiß oder nicht weiß – immer auch in der ersten Person Singular. Ein dritter roter Faden verwebte die beiden schon genannten. Es gab da durchaus Reste meiner alten Sympathie mit der Heiligen Schrift: starke Reste gegenüber der Schrift, also der Bibel der Juden, dem Alten Testament der Christen; schwächere Reste gegenüber dem Evangelium. Reste zum einen bei den großen Propheten der vor-exilischen Zeit und Reste zum anderen bei dem Wanderprediger und Propheten Jesus von Nazareth. Meine Entscheidung als Schüler gegen den Gott meines Vater und gegen die Religion, in der ich aufgewachsen war, war in hohem Maß – und weit mehr als ich ahnte – mit jenen »Resten« von Sympathie und Achtung verknüpft, wenn nicht gar von ihnen motiviert. Fragen tauchten auf – auch sie Teil des Aufräumens: Was und wen musste ich damals zurückweisen, abstoßen, mir vom Hals schaffen? Und was galt es zu bewahren, aufzuheben, auch zu schützen? Und beide Fragen lagen dicht beieinander und bezogen sich – für mich schwer zu trennen – auf meinen Vater und seinen Gott und Glauben wie auf die Heiligen Schriften, ihre Gottesbilder und ihre Verheißungen und Hoffnungen. Ein vierter roter Faden schließlich zeigte sich – für mich unerwartet – in der Auseinandersetzung mit dem Buch Hiob, der wohl einzigen großen theologischen Reflexion in der hebräischen Bibel. Hiob wurde – für mich – der Schlüssel zu der Frage, welcher Gott verworfen werden muss, um den Jahwe1 der alten Propheten und seinen Bund mit den Menschen zu bewahren: Weil Hiob an seiner Frömmigkeit festhält und darauf besteht, dass sein Gott gebunden ist an Recht und Gerechtigkeit und an das Zentrum des Bundesgesetzes: das Doppelgebot der Liebe, verweigert er dem allmächtigen und despotischen Gott im Götterhimmel Anerkennung und Liebe. Hiobs »Frömmigkeit« wendet sich gegen jede Religion im Bündnis mit Macht und Herrschaft. Sie ist frommer Atheismus. Mit diesem »Schlüssel« konnte ich mir das Evangelium neu erschließen: von der ersten Geschichte vom »Berg der Versuchung« bis zur letzten, der Kreuzigung Jesu auf dem »Berg der Niederlage«.

Scheitern am Ende – oder: was bleibt
So mündete die lange Reise in meine theologische Vergangenheit in eine Reflexion über den Antagonismus von Liebe und Macht, von Mitgefühl und Herrschaft, von Recht und Willkür. JHWH, der Gott der Propheten, bindet sich, seine Macht und seinen Willen an Recht und Gerechtigkeit – und es ist dieser Bund, der nur ein Gebot kennt: das Doppelgebot der Liebe. Dieser Gott hat sich auf die Seite der Verlorenen und Verlierer, der Armen und Unterdrückten, der Missachteten und Machtlosen, der Verzagten und der Friedfertigen gestellt. Er ist nicht der Gott der Herrschenden, der Mächtigen, der Sieger und Triumphierenden. Wo immer jüdische oder christliche Religion das Bündnis mit der Macht und Herrschaft suchte oder einging, wurde dieser Gott verraten und verleugnet; und mit ihm auch die humane Utopie einer gerechten Gesellschaft der Freien und Gleichen – für die der Bund zwischen JHWH und den Menschen stand. Dieser Verrat, dieser Pakt mit der Macht, kann durchaus als der Kern aller religiösen Gotteslästerung verstanden werden. In eigentümlicher Parallele löste das große Projekt der Aufklärung das der christlichen Religion ab und beerbte es zugleich. Eine zweifache Parallele. Indem dieses Projekt zum einen die Utopie vom Reich Gottes auf die Erde zurückholte und damit das Ziel, die aufgeklärte Gesellschaft, als eine gerechte Gesellschaft freier und gleicher Menschen konzipierte; und indem es zum anderen den Pakt mit Macht und Herrschaft übernahm, besser: systematisch ausbaute. Das Bündnis der Aufklärung mit der Macht und Herrschaft von Menschen über Menschen und über die Natur führte zwangsläufig zum Selbstverrat und zur Selbstzerstörung der Aufklärung: Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt wurde abgekoppelt von seiner Bindung an die Utopie der Befreiung der Menschen und der Natur von Unterdrückung und Ausbeutung. Der Pakt mit der Macht brachte die christlichen Kirchen zunächst auf die Seite des Fürsten dieser Welt und inzwischen an den Rand aufgenötigter Machtlosigkeit. Das wäre ihre große Chance heute: Die radikale Umkehr, der bewusste und gewollte radikale Verzicht auf jegliche Macht im Innern und nach außen könnte die große Utopie einer gerechten Gesellschaft der Freien und Gleichen ins Zentrum der christlichen Botschaft rücken: das Doppelgebot der Liebe. Der Pakt mit der Macht verkehrte das humane Projekt der Aufklärung. Nicht der Weg in eine gerechte Weltgesellschaft der Gleichen und Freien wurde beschritten, sondern der des erbarmungslosen Fortschritts von Machtausübung und Machtkonzentration, von militärischer Vorherrschaft, wirtschaftlicher Kontrolle und Ausbeutung, von sozialer Ungleichheit und Zerstörung der Natur. Das verkehrte Projekt der Aufklärung mündet aktuell in eine kannibalische Weltordnung (Ziegler) und in eine unbewohnbare Erde (Wallace-Wells). Nur eine radikale Umkehr, der radikale Verzicht auf ökonomische, militärische und politische Macht im Inneren der Gesellschaften wie im Umgang zwischen ihnen könnte die große Utopie einer gerechten Gesellschaft der Freien und Gleichen und einer Versöhnung mit der Natur wieder auf die Tagesordnung setzen. Dem alten Atheisten und Theologen und Sozialwissenschaftler fehlt in beiden »Fällen« Glaube und Hoffnung. Dem Großvater von drei Enkelkindern jedoch ist dieses Fehlen unerträglich. Über die Eigenarten eines langen, befremdlichen Textes Da gab es anfangs keinen Plan; schon gar nicht einen, der eine Reise durch die Geschichte jüdischer und christlicher Theologie über einen Zeitraum von dreitausend Jahren vorsah. Auch an ein Manuskript von mehr als 500 Seiten dachte ich nicht. Heute, beim Blick zurück und auf ein abgeschlossenes Manuskript, habe ich den Eindruck einer recht gezielten und in sich stimmigen langen Reise und vermute, dass da wohl die »Klugheit des Unbewussten« eher am Werk war als die bewusster und vernünftiger Entscheidungen. Einige »Eigenarten« dieses Textes sind mir erst im Nachhinein deutlich geworden – ich will sie kurz andeuten. Mein Text ist zum einen eine Mischform von »Autobiographie« und »theologischer Streitschrift«, wobei ich die Anführungszeichen sehr fett machen muss. Er ist eben auch beides nicht! Ich selber sehe in ihm das Protokoll einer langen Reise, ausgehend von meiner religiösen und theologischen Vergangenheit bis hin in meine Gegenwart als alter Sozialwissenschaftler im Ruhestand. Auch eine »Reise« nicht in die Welt hinaus, sondern in die innere Welt hinein. Auch eine Reise durch meine Bücherregale und Aktenordner. Es ist vor allem und von Anfang an eine Reise in der Ich-Form: Nicht nur dort, wo ich »Ich« sage, sondern überall dort auch, wo das »Ich« nicht vorzuliegen scheint. Nur in dieser Ich-Form des Ganzen war es mir möglich, diesen Gang durch dreitausend Jahre Religion und Theologie zu machen; nur diese Ich-Form machte es mir möglich, mein Thema zu finden und mich auf mein Thema zu konzentrieren, andere Themen auszublenden: dieses und jenes in der Bibel auszuwählen, anderes links oder rechts liegen zu lassen; die Kirchenväter zu überspringen, die Scholastik zu übersehen, den Luther bis zur Grenze des Erlaubten abzuwehren, die anderen Reformatoren mit Missachtung zu strafen; Spinoza, Lessing und Kant zu »erwählen«, Leibnitz oder Hegel dafür nicht; auch Marx und Bloch außen vor zu lassen. Nur als meine Wahl, geprägt durch meine sehr persönlichen Erfahrungen und Entscheidungen im Verlauf meiner Geschichte, ist der ganze Text begründet und – wenn überhaupt – begründbar. Über die Notwendigkeit und Legitimität einer solchen engen Beziehung von individueller (persönlicher) und geistiger (kollektiver) Erfahrung, wenn es um Reflexionswissen geht, habe ich im Teil VI ein wenig von Adorno abgeschrieben. Mein Text ist zum anderen als Reiseerzählung durch meine Textauswahl in besonderer und vielleicht auch befremdlicher Weise ein Lesebuch geworden. Nicht handlich, wohl auch nicht schnell zu lesen. Ich will überzeugen. Nicht in erster Linie von meiner Lesart; vielmehr zunächst und vor allem davon, dass es sich lohnt, meine ausgewählten Texte selber nachzulesen. Möglichst vollständig. Sie sind es wert – im guten wie im schlechten Sinn. Recht spät ist mir eine Parallele aufgefallen: die zu meinen Forschungsberichten im Feld der empirischen Sozialforschung. Es waren die qualitativen, eher offenen Erhebungsmethoden, die ich fast immer bevorzugte. Methoden, die mir komplexe Texte lieferten und weniger Häufigkeitsverteilungen standardisierter Antworten auf Meinungsfragen. Komplexe Texte, die es mir erlaubten, die von mir Befragten als Experten ihrer Lebens- und Arbeitssituation zu Wort kommen zu lassen und so ihre Meinungen und Einstellungen in ihrem subjektiven Kontext zu verstehen und in meinen Forschungsberichten zu vermitteln. Diese Art der »Textanalyse« hatte ich im Theologiestudium gelernt. Und dieses Verfahren, meine empirisch erhobenen Texte so auszuwählen und so zu bearbeiten, dass sie selber »sprechen«, prägte auch dieses lange Manuskript – und ist nicht zuletzt für seine Länge und Längen verantwortlich. Die  Kürzungsvorschläge: Sag doch schnell selber, was du sagen willst; und verzichte auf die vielen Zitate!, stießen bei mir auf spontane Ablehnung: Es sind doch die von mir ausgewählten Texte, die da zu Wort kommen sollen – auch, weil sie im millionenfachen Wortgetümmel heute unterzugehen drohen. dritten ein Text, der gleichsam zwischen allen akademischen Stühlen sitzt. Ein Universalgelehrter hätte ich sein müssen, doch den gibt es heute kaum noch; und ich kann mich nicht einmal in meinen beiden Professionen, der theologischen Wissenschaft und der sozialwissenschaftlichen Forschung, als besonders kompetent behaupten. Was ich da über 500 Seiten betrieben habe, war nicht Religionssoziologie, Religionspsychologie oder Religionswissenschaft; war nicht historische oder philologische Forschung; war auch nicht Theologie oder Philosophie. Mich würde das Urteil arroganter Unverfrorenheit nicht wundern, hätte ich die Vorstellung, in einer dieser Disziplinen irgendetwas Relevantes mit meinem Text geleistet zu haben. Und gleiches gilt für meine eingesetzten Methoden, die sicher auch nicht den akademischen Regeln folgten. Habe ich eine angemessene Charakterisierung für das, was ich da getrieben habe? Am ehesten handelt es sich wohl um einen langgetreckten Prozess des Nachdenkens – und dieses Nachdenken bezieht sein Material aus zwei Quellen: einer »subjektiven« Quelle dessen, was ich zu wissen glaube, was ich für richtig und falsch, gut und böse halte, was ich hoffe und wünsche, befürchte und verhindern möchte; und einer »objektiven« Quelle, dem jeweils vorliegenden – wenn auch von mir ausgewählten – Text mit seinen Informationen, seinen Bewertungen und seinen offenen Möglichkeiten und Versprechungen. Das ist wenig genau; Genaueres aber scheint mir zu eng und auch zu anspruchsvoll: Mein Text sei eine kritische Auseinandersetzung mit einem zentralen Aspekt jüdischer und christlicher Theologie, dem Konzept vom Reich Gottes hier auf Erden und dort im Jenseits des Himmels. Oder mein Text sei eine Reflexion über die Unmöglichkeit des christlichen und jüdischen Glaubens heute. Beides auch, aber eher nicht! Vielleicht sollte ich nicht mehr sagen als: Vermutlich wird mein Text nur jene ansprechen können, die bereit sind, sich auf seine »Eigenarten« einzustellen; und das bedeutet dann wohl auch: sich selbst auf den Weg zu machen und mich dabei auf meinem Weg durch diese 500 Seiten und 3.000 Jahre wenigstens ein Stück weit zu begleiten.

»Die vielen Fäden dieses umfangreichen Gewebes erweisen sich als bewegend und anregend. Es bleibt die Frage, welche große Chance die christliche Botschaft hätte, wenn sie sich von Machtansprüchen und ideologischen Verkrampfungen befreien könnte.«

(Wolfgang Pauly, in: Publik Forum)

 
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