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Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 130, 2/2006
Behandlungstechnik, Adoleszenz, Munchausen by proxy
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 130
Mit Beiträgen von Uta Einnolf, Barbara Hinz, Frank Rosenberg, Sabine Vogel
1. Aufl. 2006
152 S., Pb.
19,90 €
vergriffen, keine Neuauflage * Bestellung abgelegt

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt


Vorwort

Hans Hopf
Vom Verschwinden von realer Angst und Scham
Zwei Jugendlichen-Behandlungen vor dem Hintergrund veränderter sozio-kultureller Verhältnisse

Vera King
Adoleszente Inszenierungen von Körper und Sexualität in männlichen Peer-Groups

Ingeborg Goebel-Ahnert
»Ich wünsche mir eine handfeste Krankheit«
Zum Munchausen by proxy-Syndrom anhand der Fallgeschichte einer Mutter

Jutta Westram
Die Therapeutin als Realobjekt

Frank Dammasch
Die reale Therapeutin und die Psychoanalyse
Anmerkungen zu Methode und Gegenstand er Psychoanalyse anhand des Beitrages
von Jutta Westram: Die Therapeutin als Realobjekt

Uta Einnolf
Kann es wirklich egal sein, was wir sagen?
Annäherung an den Beitrag Die Therapeutin als Realobjekt von Jutta Westram

Martin Löffler
Gedanken zum Artikel von Jutta Westram
Die Therapeutin als Realobjekt

Buchbesprechungen



Abstracts


Hans Hopf
Vom Verschwinden von realer Angst und Scham

Zwei Jugendlichen-Behandlungen vor dem Hintergrund veränderter sozio-kultureller Verhältnisse
Psychische Störungen sind sowohl Ergebnis vorhandener Neurosenstrukturen mit intra- und interpersonalen Konflikten, als auch eines Einwirkens der jeweiligen soziokulturellen Verhältnisse. Es ist festzustellen, dass Störungen mit Externalisierungen – insbesondere bei Jungen – zugenommen haben, mit Problemen der Affektregulation, Wutdurchbrüchen, mit Unruhe und Aufmerksamkeitsstörungen, so dass erheblicher Sand in das soziale Getriebe getragen wird. Dies ist wohl auch die Folge eines unzureichend haltenden gesellschaftlichen Rahmens. Kinder mussten sich nicht notwendigerweise nach innen anpassen, sondern inszenierten und externalisierten ihre Konflikte. Am Beispiel von zwei analytischen Jugendlichen-Psychotherapien wird aufgezeigt, wie Verwöhnungen, Laissez-Faire und ängstliches Vermeiden von – auch gutartiger – Aggression zur Entstehung von narzisstischen Störungen mit unrealistischen Größenphantasien führen können. Ein ausreichendes Sensorium für Real-Angst ist dann nicht mehr vorhanden, was zu einem erheblichen Problem in der gesamten Pädagogik geführt hat. Die Enttabuisierung der Sexualität und ungenügende Inzestgrenzen haben gleichzeitig zum Verschwinden von Schamangst und einer Demonstration von grandiosen und exhibitionistischen Strebungen geführt. Diese Grundkonflikte werden in unserer heutigen Gesellschaft überwiegend verleugnet oder rationalisiert.


Vera King
Adoleszente Inszenierungen von Körper und Sexualität in männlichen Peer-Groups

Selbst- und körperschädigendes Handeln in der Adoleszenz ist statistisch betrachtet geschlechterpolarisiert: Bei jungen Frauen überwiegen internalisierende Störungen wie Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten, während Jungen und junge Männer eher zu Externalisierung etwa im Sinne von gewalttätigem oder kriminellem Verhalten, riskantem Verhalten in Alltag, Sport und Straßenverkehr neigen. Die riskanten Verhaltensweisen junger Männer sind zudem oftmals Teil von Gruppenhandeln in jugendkulturellen Kontexten, die Grenzen zwischen als »normal« angesehenem Experimentieren und Risikohandeln in der Adoleszenz und behandlungsbedürftiger Selbstschädigung sind in diesem Kontext besonders schwer zu ziehen. Um eine entsprechende Diagnose vornehmen zu können, ist entscheidend, die dem Risikohandeln zugrunde liegenden Konfliktthemen genauer einschätzen zu können. In diesem Beitrag wird ausgeführt, welche Bedeutung den mit der Aneignung des sexuellen geschlechtsreifen Körpers und der Sexualität konstitutiv verbundenen Konflikten und Ängsten bei riskanten Verhaltensweisen junger Männer zukommt. Zudem wird der Frage nachgegangen, welche Rolle die Peer-Group oder der jugendkulturelle Kontext als Gruppe in der männlichen Adoleszenzentwicklung spielen. Am Beispiel einer Gruppe von S-Bahn-Surfern wird das externalisierende Peer-Group-Verhalten als Versuch der Bewältigung und Abwehr der mit der psychischen Aneignung des adoleszenten Körpers und der Sexualität verbundenen Ängste veranschaulicht.


Ingeborg Goebel-Ahnert
»Ich wünsche mir eine handfeste Krankheit«
Zum Munchausen by proxy-Syndrom anhand der Fallgeschichte einer Mutter

In meinem klinisch konzipierten Beitrag wird die viele Jahre zurückliegende tiefenpsychologisch-fundierte Behandlung einer Erwachsenen dargestellt, die verdeutlichen soll, dass diese Patientin als Mutter mit ihrem Kind in dem Munchausen-by-proxy-Syndrom (MbpS) verstrickt war. Angeregt durch den Artikel: »Mein Kind gehört mir« – Das krank gemachte Kind und seine Mutter – Zum Munchausen-by-proxy-Syndrom (AKJP, Heft 126), in dem Claudia Burkhardt-Mußmann beschreibt, wie beim MbpS Mütter körperliche Symptome bei ihren Kindern auslösen, reflektiere ich darüber, was eine Mutter dazu treiben kann, bei ihrem Kind eine Krankheit zu erzeugen. In oben erwähntem Beitrag hat die Autorin sehr übersichtlich die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen dargestellt und mit dem Fall eines von ihr behandelten Kindes veranschaulicht. Hier soll die Psychodynamik einer Mutter beim MbpS erörtert werden, um die Genese dieser bizarren Krankheitsform am Fallmaterial aufzuzeigen.


Jutta Westram
Die Therapeutin als Realobjekt

Wie die empirisch-experimentelle Säuglings- und Kleinkindforschung und die moderne neurobiologische Forschung eindrucksvoll nachgewiesen haben, prägen vor allem Beziehungserfahrungen die dynamischen, präreflexiven und unvalidierten Strukturen des Unbewussten. Damit verlagert sich die Aufmerksamkeit von den Triebschicksalen zu den Beziehungserfahrungen, von den dynamischen zu den präreflexiven und unvalidierten Inhalten des Unbewussten und vom symbolisch-sprachlichen zum konkret-handelnden Austausch. Die Funktion der Analytikerin als »Übertragungsobjekt« verliert an Bedeutung und ihre Funktion als erfahrungsmodifizierendes »Entwicklungsobjekt« (z. B. Hurry, 2002) tritt in den Vordergrund. Unter diesem neuen Blickwinkel bleibt oft unklar, wie sich Beziehungserfahrungen in der therapeutischen Arbeit am besten vermitteln lassen und ob die traditionelle psychoanalytische Praxeologie dafür ausreicht. In dieser Arbeit soll der Fokus auf die Bedeutung der Analytikerin als »Realobjekt« gelegt werden. Im Mittelpunkt steht das konkrete, »prozedurale« Miteinander von Patientin und Therapeutin: Was die Therapeutin in der spontanen, direkten Interaktion mit den Patienten implizit, also unbewusst und zum Großteil nonverbal tut, scheint für die Übertragungs- und Beziehungsebene und somit für die therapeutische Wirksamkeit genauso wichtig zu sein wie ihr bewusstes, theoriegeleitetes Handeln.

 

 

 

 

 

 

 

 
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