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Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 129, 1/2006
Körper und Psyche
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 129
Mit Beiträgen von Uta Einnolf, Barbara Hinz, Frank Rosenberg, Sabine Vogel
1. Aufl. 2006
136 S., Pb.
19,90 €
vergriffen, keine Neuauflage * Bestellung abgelegt

Inhalt


Vorwort

Maria Rhode
Körper, Selbst und Anderer: Schritte zur Symbolisierung

Dietrich Munz
Der Körper als Objekt des AgierensTherapeutischer Umgang mit Affekt und Abwehr bei Essstörungen (Anorexie und Bulimie)

Gabriele Haug-Schnabel
Enuresis und Enkopresis – Ventile des Körpers

Mario Erdheim
Kulturelle Umgangsformen mit körperlichen Ausscheidungen

Rainer Krause
Der »eklige Körper« in der Analyse

Winfried Menninghaus
Psychoanalyse des Stinkens.Freuds Erzählung von Genese und Funktion des Ekels

Werkstattbericht
Heilwig Lorenz
Affekterleben

Buchbesprechungen



Abstracts


Maria Rhode
Körper, Selbst und Anderer: Schritte zur Symbolisierung

Der Ausscheidungsprozess bei Kindern wird im Hinblick auf die Fähigkeit, den Unterschied zwischen dem Selbst und dem Objekt anzuerkennen, und im Hinblick auf das jeweilige Niveau der symbolischen Vorstellung besprochen. Die Falldarstellung handelt von einem Jungen in der Latenzzeit, der auf hohem Niveau entwickelt war und das emotionale Containment als bedrohlich empfand, weil er die Mitteilung seiner Gefühle mit dem Defäkationsbedürfnis verwechselte. Die Therapeutin musste die Gegenübertragung auf körperlichem Niveau erfahren, bevor das Kind fähiger wurde, die eigene gesonderte Identität besser zu tolerieren. In der Folge besserte sich das davor immer wieder aufgetretene psychosomatische Symptom der Mundgeschwüre. Der Fall wird auf der theoretischen Ebene als Somatisierung einer autistischen Tasche verstanden; ebenso wird das Zusammenwirken der körperlichen Krankheitsgeschichte des Kindes und der transgenerationalen Geschichte der Familie theoretisch reflektiert. Der Behandlungsprozess erscheint als die Herstellung von Verbindungen zwischen früher abgetrennten »Inseln« der Persönlichkeit, die auf verschiedenen symbolischen Ebenen fungierten.


Dietrich Munz
Der Körper als Objekt des AgierensTherapeutischer Umgang mit Affekt und Abwehr bei Essstörungen (Anorexie und Bulimie)

Zunächst werden die Bedeutsamkeit des Körpers und die hinter Rationalisierung und Verleugnung verborgene Affektwelt und deren psychosomatische Abreaktion durch die Askese oder durch bulimische Impulsdurchbrüche bei Patientinnen mit Essstörungen dargestellt. Dieser Abreaktionsmodus mit Wendung aggressiver Impulse gegen das Selbst wird als Folge von Introjektion und Identifikation mit ambivalenten, symbiotisch vereinnahmenden, jedoch die Triebwünsche und Vitalität ablehnenden Primärpersonen erklärt. Der durch das Symptom hervorgerufene Affekt des Ekels findet hierbei besondere Beachtung. In der stationären Psychotherapie ist die Behandlung initial meist auf den das ganze Leben der Patientinnen bestimmenden Umgang mit Essen und Ernährung fokussiert. Diese Therapiephase lässt exemplarisch die psychische Innenwelt der Patientinnen deutlich werden. Verleugnung eigener Bedürftigkeit, Selbsthass wegen unerfüllter Ideale der Bedürfnislosigkeit oder wegen eigener Unbeherrschtheit erschweren den Umgang mit den Patientinnen, weshalb sie Hilfsangebote zurückweisen und eine Scheinautonomie aufrecht zu erhalten versuchen. Ein bewusster Umgang der Therapeuten ist wichtig, um mit den durch die therapeutischen Interventionen hervorgerufenen heftigen, jedoch sofort gegen das Selbst gerichteten Affekte, die die Dynamik der Behandlung prägen, umgehen zu können und um ein weiteres selbstdestruktives Agieren gegen den eigenen Körper zu verhindern. Im stationären Behandlungssetting können hierbei gruppendynamische Prozesse und die Möglichkeit multipler Übertragungen genutzt werden, um maligne Regressions- und Abwehrprozesse einzugrenzen. Besonders wichtig ist hierbei, den Patientinnen die Möglichkeit zu eröffnen, dass sie ihre aggressiven Impulse gegen ein Gegenüber und nicht weiterhin gegen sich selbst, den eigenen Körper richten.


Gabriele Haug-Schnabel
Enuresis und Enkopresis – Ventile des Körpers

Die Kontrolle von Darm und Blase kommt bei Kindern individuell unterschiedlich schnell zustande. Verschiedene Faktoren werden für die Verzögerung dieser Entwicklungsschritte verantwortlich gemacht. Handelt es sich um eine Enuresis, so kann der Start ein fehlgelaufener Lernprozess sein. Betrachtet man unsere Stammesgeschichte, so kann von phylogenetischen »Vorarbeiten« für eine Enuresis-Lerngeschichte ausgegangen werden: a) die angeborene Stressreaktion, auf erhöhte Fluchtbereitschaft mit Blutdrucksteigerung, vermehrter Harnproduktion und spontaner Harnentleerung zu antworten, b) das Harnen von Tierjungen, wenn sie Kontakt zum Elterntier suchen oder unter Stress stehen. Die Wurzeln des unkontrollierten Harnlassens beim Menschen scheinen in die Evolution weit zurück zu reichen.



Mario Erdheim
Kulturelle Umgangsformen mit körperlichen Ausscheidungen

Der Körper und seine Ausscheidungen werden als Teile individueller, familiärer und kollektiver Symbolkomplexe verstanden. Ein kulturhistorischer Überblick führt zu Freuds Theorien über die Entstehung der Kultur aus dem Ekel und über die durch das Inzestverbot vermittelte kulturelle Dimension der Sexualität. Ana­le und genitale Ordnung werden als zwei verschiedene Arten der Verarbeitung gesellschaftlicher Erfahrungen gegenübergestellt. Die Beachtung des kulturellen Kontextes ist auch für therapeutische Prozesse wichtig.


Rainer Krause
Der »eklige Körper« in der Analyse

In einem ersten Teil werden die empirischen Befunde über die Funktion, Phylo- und Ontogenese der Ekelemotion berichtet. Ekel ist eine sehr häufige Emotion, deren Funktion der Schutz des Objekts vor Gift, Infektionen und als schädlich erlebten sozialen Unordnungen ist. Auslöser sind Geruchs- und Geschmacksmoleküle bis hin zu moralischen Überschreitungen. Die hirnphysiologischen Re­aktionen sind unabhängig von Auslösern immer gleich. Introspektiv ist Ekel vor allem im interpersonellen Bereich und in unserer sehr egalitär definierten Kultur stark tabuiert. Ekel dient als zentrale Abwehrkonfiguration gegen sexuelle Strebungen und Leidenschaften. In einem zweiten Teil werden in einer Vignette diejenigen Anteile einer Langzeitbehandlung herauspräpariert, die als Insze­nierungen einer Geruchs- und Körperwelt den Prozess von Übertragung und Gegenübertragung im Hier und Jetzt steuern. Diese Szenen werden als Bebilderung und Geruchsdarstellungen von sehr frühen Mutter-Kind-Erfahrungen verstanden, die über die Darstellung diskursfähig werden. Der Ausgang der Analysen wird dadurch entschieden, ob es möglich ist, affektiv komplementär auf die Ekelinszenierungen zu reagieren.


Winfried Menninghaus
Psychoanalyse des Stinkens

Freuds Erzählung von Genese und Funktion des EkelsFreuds frühe Theorieentwürfe schließen vielfach an Darwins Projekt an, die Evolution der menschlichen Physis mit mentalen und psychohistorischen Adaptionen zurückzukoppeln. An der Evolution des aufrechten Gangs fokussiert Freud insbesondere das Hochheben der Nase, und er macht daran eine Distanzierung vom (tierischen) Riechen an sexuellen Sekreten und Exkrementen fest. Das Abwehrsymptom des Ekels entstehe an dieser Bruchstelle zwischen unserer archaischen vor- und frühmenschlichen Erbschaft und den Sublimierungsgeboten der moralischen und »ästhetischen Kultur«. Der Aufsatz untersucht quer durch Freuds Werk die ambivalente Bedeutung der Ekelreaktion und des »innerlichen Stinkens«. Organisch gestützte Verdrängung und Insistenz der kulturell verekelten Sensationen ergeben ein Konfliktfeld, das Freud in ein Narrativ von der Geschichte des Exkrements und seiner Analoga verwandelt. Der Aufsatz deutet die besondere Bedeutung der Kunst für die anti-sublimatorische Treue zum Verekelten an und endet mit einigen Bemerkungen zum aktuellen Phänomen des Ekel-TV.

 
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