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Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 116, 4/2002
Trauma: Verarbeitung und Therapie
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 116
Mit Beiträgen von Martin Ehlert-Balzer, Gerald Hüther, Jochen Raue, Ulrich Sachsse, Susanne Schmid-Boß, Marieanne Simon, Gisela Stockburger, Barbara von Kalckreuth, Angelika Wolff, Biddy Youell
1. Aufl. 2002
168 S., Pb.
19,90 €
ISBN 9783860998366

vergriffen, keine Neuauflage * Bestellung abgelegt

 

 

 

 

Inhalt


Gerald Hüther
Und nichts wird fortan so sein wie bisher...
Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung

Ulrich Sachsse
Trauma, Trauma-Coping und Posttraumatische Belastungsstörung
Geschichte, aktuelle Theorie und therapeutische Ansätze

Gisela Stockburger
»Hans ist ein Mörderkind«
Über die Behandlung eines achtjährigen Mädchens nach sexuellem Missbrauch durch den Vater

Biddy Youell
Vom Trauma genesen: Identifizierung mit dem »Okter-Monter« (Doktor-Monster)
Schilderung der Psychotherapie eines 3½-jährigen Jungen, der im Alter von zehn Tagen dem Tode nahe gewesen war

Martin Ehlert-Balzer
Die »Identifizierung mit dem idealisierten Aggressor« in der traumatischen Reaktion
Vorläufige klinische Bemerkungen

Susanne Schmid-Boß
»Sexuelle Traumatisierungen«
Eine kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten anhand von drei Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis

Forum
Jochen Raue / Marieanne Simon / Angelika Wolff
Kann man um einen jugendlichen Massenmörder trauern?

Barbara von Kalckreuth
World Association for Infant Mental Health (WAIMH)
Weltkongress 16. – 20. Juli 2002 in Amsterdam
Baby Birth to Three



Abstracts


Gerald Hüther
Und nichts wird fortan so sein wie bisher...
Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung

Dieser Beitrag untersucht die Auswirkungen von Kindheitstraumata auf die weitere Hirnentwicklung unter Zugrundelegung neuerer entwicklungs-neurobiologischer Erkenntnisse über nutzungs- und erfahrungsabhängige Strukturierungsprozesse auf der Ebene neuronaler Verschaltungen. Psychische Traumatisierung führt zur unkontrollierbaren Aktivierung stress-sensitiver kortiko-limbischer Netzwerke und neuroendokriner Regelkreise. Unter diesen Bedingungen kommt es zu einer fortschreitenden Destabilisierung bereits etablierter, komplexer Verschaltungsmuster (Regression, dendritische Degeneration, insbesondere im Hippocampus). Anhalten und bewältigen lassen sich diese Prozesse meist nur noch durch die Aktivierung von früh angelegten, einfach strukturierten neuronalen Verschaltungen (Notfallreaktionen) und durch nachfolgende nutzungsabhän-gige Bahnung von selbst-schützenden, protektiven und defensiven Reaktionsmustern (Dissoziation, Depersonalisation, Derealisation etc.). Die weitere nutzungs- und erfahrungsabhängige Strukturierung komplexer kognitiver und affektiver neuronaler Verschaltungen, insbesondere in den höheren assoziativen, frontokortikalen Hirnbereichen, kann unter diesen Bedingungen nur noch eingeschränkt erfolgen. Die daraus resultierenden strukturellen Veränderungen des Gehirns sind inzwischen durch eine Vielzahl empirischer Befunde belegt. Langfristig wird die weitere nutzungs- und erfahrungsabhängige Strukturierung des kindlichen Gehirns jedoch weniger durch das tatsächliche erlebte Trauma gefährdet, sondern durch die dadurch beim Kind ausgelöste Zerstörung von Sicherheit bietenden emotionalen Bindungen, Selbstwertkonzepten und inneren Leitbildern. Wichtigstes Ziel aller therapeutischen Bemühungen muss es daher sein, Bedingungen zu schaffen, die es einem traumatisierten Kind ermöglichen, diese wichtigsten Ressourcen zur Bewältigung von Angst und Stress möglichst rasch wieder zurückzugewinnen.


Ulrich Sachsse
Trauma, Trauma-Coping und Posttraumatische Belastungsstörung
Geschichte, aktuelle Theorie und therapeutische Ansätze

In meinem Beitrag zeige ich die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Thema Psychotrauma auf. Dann befasse ich mich mit aktuellen Theorien der Traumaverarbeitung. Dies leitet über zu der Frage, welche Ansätze derzeit in der Traumatherapie erprobt werden und welche ersten Ergebnisse diese Versuche erbracht haben. »Traumatisierung« ist ein hoch aktuelles Thema. Es bewegt und beschäftigt alle. Soweit ich zurückdenken kann, gab es immer wieder solche »Modethemen«. Während der Zeit meines Studiums in den siebziger Jahren war »die Gruppe« als Thema in aller Munde. »Die Gruppe« sollte die Welt verbessern und ein völlig neues Bewusstsein schaffen. Hat dieses Modethema »Gruppe« damals wirklich etwas verändert? Ich denke schon. Denn die Auseinandersetzung mit Gruppenphänomenen hat dazu beigetragen, dass heute fast überall in Teams gearbeitet wird. Eher zur Ausnahme ist es geworden, dass jemand ganz alleine vor sich hinwerkelt, auch ganz allein vor sich hin leitet. Die Teamarbeit hat sich durchgesetzt, und insofern hat die Auseinandersetzung mit dem Thema »Gruppe« tatsächlich gesellschaftsverändernd gewirkt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema »Trauma«, dessen bin ich mir sicher, wird ebenfalls unsere soziale Realität verändern.


Gisela Stockburger
»Hans ist ein Mörderkind«
Über die Behandlung eines achtjährigen Mädchens nach sexuellem Missbrauch durch den Vater

Anhand eines Fallbeispiels soll dargestellt werden, welche Abwehr das kindliche Ich einsetzt, um die Erfahrung des sexuellen Missbrauchs durch den Vater zu verarbeiten. Es wird gezeigt, wie es nach allen Mitteln sucht, um trotz der Bedrohung durch den Täter eine Beziehung zu ihm als seinem lebensnotwendigen Elternobjekt aufrechtzuerhalten, und welche Strategien das Ich ergreift, um die Verbindung zur Mutter zu bewahren, einer Mutter, die der Tochter keinen Schutz gibt, sondern sie der Gewalt des Vaters überlässt. Im Verlauf der Therapie kehren diese traumatischen Beziehungsstrukturen in der szenischen Wiederholung wieder: Die geliebten Elternobjekte sind entweder gleichgültig oder gefährlich. Das Täter-Opfer-Geschehen wird dem Kind in den Übertragungs- bzw. Gegenüber-tragungsprozessen bewusster und damit einer psychischen Bearbeitung zugänglicher. In dieser schmerzvollen Auseinandersetzung liegt die Chance, das Trauma zu entkräften.


Biddy Youell
Vom Trauma genesen: Identifizierung mit dem »Okter-Monter« (Doktor-Monster)
Schilderung der Psychotherapie eines 3½-jährigen Jungen, der im Alter von zehn Tagen dem Tode nahe gewesen war

In dieser Arbeit wird die intensive Psychotherapie eines 3½-jährigen Jungen geschildert, der im Alter von zehn Tagen aufgrund von Urinreflux und Meningitis dem Tode nahe gewesen war. Es wird beschrieben, wie Jamie sich vor unerträglicher Todesangst schützte, indem er sich mit einem Bauhandwerker identifizierte. Es wird nachgezeichnet, in welcher Weise Containment in der Therapie es ihm ermöglichte, sich durch Als-ob-Spiele auf einen Prozess einzulassen, in dessen Verlauf er mit verschiedenen Identitäten experimentierte. Der letzte Abschnitt der Arbeit beschäftigt sich mit Jamies anschließender Entwicklung und untersucht den Zusammenhang zwischen dem Trauma und Jamies inkonsistenter Fähigkeit zur Symbolisierung


Martin Ehlert-Balzer
Die »Identifizierung mit dem idealisierten Aggressor« in der traumatischen Reaktion
Vorläufige klinische Bemerkungen

Nach einer kurzen theoretischen Einführung in die psychoanalytische Theorie des Traumas werden zunächst die Mechanismen der Introjektion und der Identifizierung einander gegenübergestellt. Hatte der Autor in seinen bisherigen eher theoretischen Arbeiten zum Trauma die Introjektion in den Vordergrund gerückt, so beleuchtet er hier aus der klinischen Erfahrung heraus die Rolle einer traumaspezifischen Variante der Identifizierung, nämlich der mit dem idealisierten Aggressor. Die klinische Bedeutung dieses Mechanismus wird anhand einer Fallvignette demonstriert. Abschließend wird die Funktion dieser Identifizierung als Abwehrbewegung und als Bewältigungsmechanismus diskutiert.


Susanne Schmid-Boß
»Sexuelle Traumatisierungen«
Eine kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten anhand von drei Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Auswirkungen und der Verarbeitung von sexuellen Traumatisierungen. Zwei Fälle aus der psychotherapeutischen Praxis werden vorgestellt, und es soll deutlich gemacht werden, dass Verarbeitungen der Erlebnisse, d.h. das Einordnen in einen Sinn- und Bedeutungszusammenhang, individuell sehr unterschiedlich erfolgen. Bei einer Behandlung bleibt unklar, welchen Stellenwert das einmalige Erlebnis in der Pathologie der Patientin einnimmt. Im dritten Fall geht es um die Frage, ob nicht die Phantasien der Mutter bezüglich der Traumatisierung des Kindes durch den Vater entscheidend für die Pathologie des Kindes sind.

 

 

 

 

 
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