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Anke Kerschgens / Beate Schnabel / Frankfurter Institut für interkulturelle Forschung und Beratung
Psychosoziale Arbeit mit jugendlichen Geflüchteten
Transkulturelle Übergangsräume und Verstehensprozesse
Marga Günther, Anke Kerschgens, Regina Klein, Elisabeth Rohr, Petra Pfänder, Beate Schnabel, Irmela Wiesinger
1
19,90 €
ISBN 9783955582852

Lieferbar

Für Fach- und Honorarkräfte, die mit jugendlichen Geflüchteten arbeiten, stellen sich besondere Herausforderungen sowohl in Bezug auf ein psychosoziales wie auch ein kulturelles Verstehen und Handeln in den Beziehungen mit den Jugendlichen. Hierbei geht es einerseits um die Bereitschaft, sich auf andere kulturelle Hintergründe mit einem transkulturellen Blick einzulassen, der mit der Auseinandersetzung mit bisher unhinterfragten Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verhaltensmustern einhergeht: ein Blick, der gewohnte binäre Logiken von kulturell Eigenem und Anderem lockern will und sich auf ein dynamisches Kulturverständnis bezieht. Für beide Seiten sind das Aushalten ambivalenter Gefühle, die gemeinsame Reflexion über die Erfahrungen und Erlebnisse und dabei das Finden einer gemeinsamen Sprache im sich entwickelnden gemeinsamen Raum und subjektiven Ort der Jugendlichen bedeutsam. Ein gemeinsames Nachdenken und Aushalten ermöglicht, Antworten zu finden auf die Fragen der Herkunft, Identität und Zukunftsgestaltung.

 

 

 

Inhalt       

Anke Kerschgens
Einleitung

Elisabeth Rohr
Flucht und Ankommen als Übergang   

Marga Günther   
Adoleszente Entwicklung im Kontext von Fluchterfahrungen – Herausforderungen für die pädagogische Begleitung   

Regina Klein    
Transkulturelle Übergangsräume und andere Bruchlinien der Erfahrung
Oder: Wer/was kommt wie/wann/wo an und vermag zu bleiben?

Irmela Wiesinger
Integration und Identitätsbildung junger Geflüchteter in der Jugendhilfe – ein Drahtseilakt ohne Sicherung

Beate Schnabel
Interview mit Petra Pfänder
Sachgebietsleitung umA-ASD Fachbereich Jugend und Familie
Betreuung ­unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge beim Kreisausschuss des Kreises Groß-Gerau

Beate Schnabel    
Erkundungs- und Erzählräume –
Konzept einer transkulturellen psychosozialen Gruppenarbeit
mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten an der Schnittstelle zwischen sozialem und medizinischem Bereich

 

 

Anke Kerschgens: Einleitung

Erzwungene Migration bedeutet einen biografischen Bruch, der nicht leicht und unmittelbar geheilt werden kann (Zimmermann, 2012). Wenn Jugend­liche alleine flüchten (müssen), bedeutet dies zudem auch den unfreiwilligen Verlust zentraler familialer Bindungen und vertrauter Beziehungsnetzwerke (Brisch, 2016). Einem überkulturellen Verständnis von Adoleszenz folgend, bedingt die Jugendphase zudem einen psychosozialen Prozess der Ablösung und des Neuentwurfes entlang der Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? (Bohleber, 1996). Dies findet in westlich-modernisierten ­Gesellschaften eine Ausprägung im Kontext der Individualisierung hin zu einer verlängerten Adoleszenz mit erhöhten und in einer bestimmten Weise geformten gesellschaftlichen Ansprüchen an Subjektivität und Autonomie. Geflüchtete Jugendliche sind hingegen in anderen kulturellen Kontexten sozialisiert, sie haben eigene biografische Erfahrungen und Beziehungserfahrungen gemacht. Diese münden in den Herkunftsländern in andere Formen der Adoleszenz, die potenziell stärker gruppenbezogen sind und weniger offensiv und öffentlich ausgetragen werden – entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen Dynamiken und Ansprüche. Zum biografischen Bruch treten also für geflüchtete Jugendliche neue Anforderungen (und Potenziale) einer westlichen Adoleszenz hinzu. Doch damit überhaupt ein innerlich stabiler Entwurf dessen entstehen kann, wie eine Zukunft aussehen könnte, müssen zunächst oder gleichzeitig die Schmerzen des Verlustes, die erlittenen traumatischen Erfahrungen und die Fremdheit, Einsamkeit und Unsicherheit im Aufnahmeland bearbeitet werden. Hierbei brauchen alleine geflüchtete Jugendliche Begleitung.
Pädagogische Fachkräfte in den Jugendämtern, den ambulanten wie stationären Einrichtungen verfolgen das Ziel einer bestmöglichen Versorgung der jungen Geflüchteten. Aber was passiert, wenn Fachkräfte in der Arbeit mit den Geflüchteten an Grenzen des eigenen Denkens, Wahrnehmens und Handelns stoßen? Was, wenn geflüchtete Jugend­liche die Übergänge zwischen dem Dort und Da, dem Gestern und Morgen nicht ohne Weiteres unbeschadet überwinden können? Oder wenn Differenzen zwischen subjektiven Erwartungen und objek­tiven Bedingungen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit die Realitäts­bewältigung auf beiden Seiten blockieren?
Hier ist ein Verständnis für diese Situationen des Übergangs hilfreich, das biografisch und altersbezogen ist, bezogen auf die Flucht, das Ankommen und die Verarbeitung der Erfahrungen, die aber auch Situationen des Dazwischens sind, die Fachkräfte und Jugendliche in ihrem Kontakt gemeinsam betreffen. Diese vielfältigen Situationen des Übergangs sind Gegenstand des vorliegenden Bandes. Die Autorinnen bieten dabei verschiedene Verstehensweisen an: Irmela Wiesinger und Petra Pfänder nehmen das System der ­Jugendhilfe und die professionellen Praxen dort in den Blick, Elisabeth Rohr beschäftigt sich grundlegender mit den Herausforderungen und der Begleitung von biografischen Schwellensituationen, Marga Günther befasst sich mit den Transformationsanforderungen für geflüchtete Adoleszente, Regina Klein mit transkulturellen Räumen für Übergänge und Beate Schnabel mit den Potenzialen der Gruppenarbeit in diesen psychosozialen Prozessen. Gemeinsam ist den Autorinnen ein Blick nicht nur auf die Schwierigkeiten, Traumata und Begrenzungen, die die Jugendlichen erfahren und zum Ausdruck bringen, sondern auch auf die Entwicklungsmöglichkeiten, die ein Aushalten, Ernstnehmen und Begleiten des Dazwischen des Übergangs eröffnen kann.
Elisabeth Rohr greift in ihrem Beitrag »Flucht und Ankommen als Übergang« auf das kulturanthropologische Konzept der Übergangsriten zurück, das dazu beitragen kann, das komplexe innere Erleben Geflüchteter zu verstehen, gerade weil Flucht im Gegensatz zum begleiteten Ritual einen deregulierten und daher verschärften Übergang bedeutet. Der Bezug auf die sogenannte Schwellenphase – die auch im Ritual durch eine Auflösung sozialer Bindungen gekennzeichnet ist – erschließt im Hinblick auf die Situation der Geflüchteten deren Gefühle von Desorientierung, Ambivalenz und Chaos. Im Bezug auf Rituale als Vergleichsmedium wird zudem deutlich, wie wichtig eine gute Begleitung in diesem Niemandsland ist, damit Jugendliche die damit verbundenen Gefühle aushalten können und emanzipatorische Entwicklungen möglich werden.
Marga Günther arbeitet in ihrem sozialpsychologischen Beitrag »Adoleszente Entwicklung im Kontext von Fluchterfahrungen – ­Herausforderungen für die pädagogische Begleitung« mit dem Konzept des adoleszenten Möglichkeitsraumes, der spezifische Räume für Entwicklung jeweils eröffnet oder begrenzt. Dieser psychosoziale und kulturell-gesellschaftlich bestimmte Raum gestaltet sich für geflüchtete Jugendliche in einer besonderen Weise, die durch die erzwungenen Trennungen und Traumatisierungen bestimmt ist. Dies birgt besondere Herausforderungen, auch für die pädagogische Begleitung.
Auch der Beitrag von Regina Klein, »Transkulturelle Übergangsräume und andere Bruchlinien der Erfahrung«, befasst sich mit der Begleitung von Übergängen und bezieht sich hier in einer trans­disziplinären Denkbewegung auf Konzepte der Transkulturalität. Dabei sind für die Autorin Bruchlinien der Erfahrung, als ein wesentlicher Anstoß zu reflexiven Prozessen, ein Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zum Übergang, dem Dazwischen, welches Nachdenken zu einem Schwellenereignis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit macht. Dabei geht es auch um Möglichkeiten des Spielerischen, der Erfahrung von ­Gemeinschaft und um kreative Dekonstruktionen und ­Neu­entwürfe. Mit Blick auf verschiedene theoretische Bezüge lotet Regina Klein aus, wie solche »dritten« transkulturellen Räume beschaffen sein ­können und was sie ausmacht, damit sie ihre (auch professionellen) Potenziale entfalten können.
Irmela Wiesinger befasst sich in ihrem Beitrag zu »Integration und Iden­titätsbildung junger Geflüchteter in der Jugendhilfe« mit dem Spannungsfeld, das die Anforderung an Integration, das Ankommen im Aufnahmeland sowie Identitätsbildung und Individuation für geflüchtete Jugendliche ausmacht. Dazu beschreibt sie systematisch Phasen des Migrationsprozesses und deren psychosoziale Wirkungen, auch in der professionellen Arbeit mit den Jugendlichen, und lotet aus, was und wie Soziale Arbeit in diesem Prozess beitragen kann. Im Sinne ihres Untertitels »Drahtseilakt ohne Sicherung« verschweigt sie dabei auch nicht die Herausforderungen und institutionellen gesellschaftlichen Konfliktfelder.
Aus dem gleichen institutionellen Kontext stammt das Experteninterview mit Petra Pfänder, die als Sachgebietsleiterin im Jugendamt für die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten zuständig ist. Aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus spricht sie über die Handlungsspielräume und -grenzen der Arbeit in diesem Feld. Mit Blick auf die Arbeitsweisen des Jugendamtes lotet sie die Möglichkeiten einer gelingenden Praxis aus und betrachtet die professionellen Handlungsansätze Sozialer Arbeit wie auch die psychosoziale Situation der ­Jugendlichen, die in den institutionellen Praxen zusammenwirken. Dies hat auch einen gesamtgesellschaftlichen, nicht konfliktfreien Rahmen.
Der Beitrag von Beate Schnabel, »Erkundungs- und Erzählräume«, berichtet von einem Praxisprojekt, in dem mit einer Gruppe junger Frauen mit der Idee einer transkulturellen und psychosozialen Gruppenarbeit über zwei Jahre gearbeitet wurde. Neben theoretischen Überlegungen, wie psychosoziale Entwicklung von Jugendlichen, die geflüchtet sind, gelingen kann, welche Bearbeitungsnotwendigkeiten es dabei gibt und wie eine gute Begleitung aussehen kann, gibt Beate Schnabel einen Einblick in den Gruppenprozess und die praktische Arbeit mit den Jugendlichen. Sie bietet zudem Ansätze für ein Gruppenkonzept an, dass die Möglichkeiten der gelingenden Begleitung Jugendlicher in ihren Krisen anspricht und auf institutioneller Ebene dazu beitragen kann, die Versorgungslücke für jugendliche Geflüchtete – zwischen dem medizinischen und dem pädagogischen Bereich – zu verkleinern.
Die Veröffentlichung dieses Bandes geht auf die Erfahrungen im von ­Beate Schnabel beschriebenen Praxisprojekt zur transkulturellen, psychosozialen Gruppenarbeit mit unbegleiteten minderjährigen ­Geflüchteten zurück, und die Beiträge von Elisabeth Rohr, Marga ­Günther und Regina Klein sind Überarbeitungen ihrer Vorträge auf dem Fachtag zum Thema »Pädagogische ­Herausforderungen in der sozialen Arbeit mit jugendlichen Geflüchteten«, der im Oktober 2019 an der Hochschule Darmstadt mit großer Resonanz und interessanten Diskussionen stattgefunden hat. Allen Beteiligten möchten wir an dieser Stelle danken, ebenso, wie den Institutionen, deren Förderung das ­Projekt, den Fachtag und auch diese Veröffentlichung ermöglicht haben: ­Aktion Mensch, Software AG Stiftung Darmstadt, UNO-Flüchtlingshilfe und private Unterstützer_innen.

 

 

 

 

 
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