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Moser, Tilmann
Zuversicht und Resignation
Vom Umgang mit bedrohten Psychotherapien
1
19,90 €
ISBN 9783955582883

Lieferbar

Auch wer nur wenige Jahre als Psychotherapeut oder Psychoanalytiker gearbeitet hat, kennt die Verwirrung, wenn Patienten die oft langjährige Therapie – ob angekündigt oder nicht, ob kurzfristig oder plötzlich – abbrechen, verlassen oder grußlos, enttäuscht oder zornig verschwinden. Der Psychotherapeut bleibt ratlos, verwirrt, geschockt, beleidigt, vergrämt, erleichtert, verzweifelt zurück, rätselt und grübelt und versucht, sich an die letzten Stunden, Tage, Wochen, Monate oder Jahre zurückzuerinnern. Moser diskutiert seine auch bitteren und doch erhellenden Erfahrungen offen und professionell und ordnet sie in den Diskurs der psychodynamischen Psychotherapieforschung ein.

 

 

 

Inhalt

Patienten und Therapeuten in Aufruhr

Eine Begegnung

Zwischen großer Nähe und kühler Distanz

Der neue Trend der »Fehlerkultur«

Herkunft, Bedeutung und Rechtfertigung der Fallgeschichten

Die Fallgeschichten

Das Raben-Skript

Unbewusste Körpererinnerungen

Misslingen und Scheitern: ein zentrales Thema in der neueren Publizistik

Georg oder die Angst vor der eigenen Winzigkeit

Abschiedsangst

Eine teilweise missglückte Supervision

Abschied durch Enttäuschung, Missmut, Zorn, Hass, Katastrophe

Wanderwut und Wandersehnsucht

Von der Ehefrau erzwungener Abschied

Abbruch aus Angst vor der Wiederkehr des Traumas: Säuglingspanik

Schlag nach bei Zwiebel

Der Beginn der vierzigsten Stunde

Abschied auf Raten

Längste Therapie, längste Zweifel, längstes Chaos und längster Abschied

Die ängstliche Ausdünnung einer scheinbar halb gelingenden Therapie

Eine ausgefranste Therapie

Sanftes Ausschleichen der Analyse in theologische Gespräche

Abnehmendes Lebensinteresse: Eine Trennung auf Raten

Scheitern durch Rivalität

Zwischenfrage: Warum dieses Buch? Eine Rechtfertigung?

Abschied wegen Entfernung und Gebrechlichkeit

Abschied wegen beiderseitiger Ermattung

Gutes, wenn auch unvollendetes Ende

Verzweifelter Widerstand und mangelnde Introspektion

Abbruch wegen »mangelnder Sensibilität« von mir

Ausstieg aus dem Jammertal und später gutartiger Abschied

Vatersuche und befremdendes Ende

Der Sieg der bösen Introjekte

Bilanz

Schlussgedanken
 
 
 
 

Patienten und Therapeuten in Aufruhr

Auch wer nur wenige Jahre als Psychotherapeut oder Psychoanalytiker gearbeitet hat, kennt die Verwirrung, wenn Patienten die oft langjährige Psychotherapie – angekündigt oder nicht, kurzfristig oder plötzlich – abbrechen, verlassen oder grußlos, enttäuscht oder zornig verschwinden. Der Psychotherapeut bleibt ratlos, verwirrt, geschockt, beleidigt, vergrämt, erleichtert, verzweifelt zurück, rätselt und grübelt, denkt und versucht, sich an die letzten Stunden, Tage, Wochen, Monate oder Jahre zurückzuerinnern. Er oder sie konsultiert seine bzw. ihre Notizen oder ausführlichen Unterlagen. Scham, Enttäuschung, Wut, Versagensgefühle, Fehlerfahndung usw. können ihn heimsuchen oder quälen. Die nächsten Stunden oder Tage mag er niedergeschlagen verbringen. Er sehnt sich nach Einsamkeit, Trost, aber auch nach Gesprächen mit jemand Vertrautem, Kompetentem, bei dem er sich ausweinen, aussprechen, auswüten kann. Oder er denkt an seine Intervisionskollegen, so er welche hat, oder an den aktuellen oder früheren Supervisor, falls die noch für ihn offen sind für Beratung; manchmal auch an seine Gattin, der er manches über den Flüchtigen erzählt haben mag und die weiß oder ahnt, wie nahe er ihm stand. Aber oft überwiegt die Scham in einem Maß, die ihm den Weg in die schmerzliche Offenbarung von möglichen Helfern verbaut.
Falls noch ein Abschiedsgespräch oder -gespräche stattgefunden haben, bleibt er wenigsten in Kenntnis einiger Motive oder vor­geschobener Gründe. Er versucht, die Gefühlslage des Abbrechers zu erspüren, riskiert einige Ermahnungen, Warnungen oder Deutungen. Er fragt sich, ob die Katastrophe erwartbar oder überfallartig hereinbrach, ringt um Fassung, flucht oder weint oder atmet auf, je nach Lage der seelischen und übertragungsbedingten Gefühle. Er wundert sich über die Stärke seiner Affekte und prüft die aufschießenden Stadien der Gegenübertragung oder gerade aufblitzender eigener Übertragungsfetzens, die ja auch einmal aufbrechen dürfen. Und der Verlassene geht traurig oder gekränkt die letzten Worte des Patienten durch, die da lauten können (eigene Erfahrungen und viele Inter- und Supervisionen): »Ich habe genug; mir reicht’s; ich muss endlich selbständig werden; ich komme nicht mehr; versuchen Sie keine Umkehr meines Entschlusses; bitte keine weitere Kontaktaufnahme.« Man kriegt aber auch Freundliches zu hören: »Ich verdanke Ihnen viel; ich gehe gestärkt hinaus ins Leben und erprobe mich, ich habe immer gestaunt, wie viel Sie kapiert haben.« Aber dann wieder: »Ich habe genug Geld und Zeit und Hoffnung verloren; Sie haben mich nicht verstanden; Sie haben mich enttäuscht; Sie ahnen nicht, wie groß meine Hoffnung auf Sie war.« In buntem Wechsel: »Es bleiben viele Rätsel; Verwandte und Freunde hatten mich ja gewarnt; vielleicht melde ich mich später wieder, bei einem Rückfall, oder wenn ich heirate und Sie einlade. Ich brauche eine Pause; ganz habe ich Ihnen nie getraut. Sie waren der erste Mensch, dem ich voll vertrauen lernte; mein Leben ist voller und schöner geworden; Depression und Leere sind noch längst nicht verschwunden. Danke, Sie waren mein Retter, oder haben mich noch tiefer ins Elend gestürzt; auf jeden Fall: nichts wie weg, ob Sie es nun verstehen oder nicht; was soll’s, ein Bruch oder Abbruch mehr im Leben, na und!« Gehörte Abschiedsworte oder -gedanken, gemurmelt oder halb verschluckt. Alles besser als das Rätsel des schweigenden Verschwindens.
Doch es gibt ja auch die umgekehrten Brüche: Wenn der Therapeut sich gezwungen sieht, ermattet, verärgert oder resigniert eine Behandlung von sich aus, meist schweren Herzens, zu beenden oder nach den ersten Begegnungen gar nicht erst zu beginnen. Dann reiht sich in der Biographie des Patienten die umgekehrte Katastrophe an, die sich oft an eine einzelne oder eine Serie von biographischen ­Brüchen und Abbrüchen von früher hängt. Es sind auch »schwere Stunden«, wenn er oder sie einem Patienten den Abschied geben muss. Was sich in dem abspielt, bekommt der Therapeut zum Teil noch mit, durch den Schock, das Weinen, die Resignation oder die Wut des Patienten, die das Aufgeben oder Verabschieden und Rauswerfen des ­Therapeuten hinterlässt. Oft ist es eine jahrelange Verstörung: »Bin ich zu schwierig, untauglich, nicht behandelbar, war ich nicht geduldig genug oder nicht zäh genug im Leiden oder in der Hoffnung? Ich habe jedenfalls genug von Ihrer Deuterei und klugem Gerede, da sich doch nichts ändert. Dann muss ich mir einen Neuen suchen! Oder er wird mich, erträglicher für ihn, begründet weiterschicken. Meine Freundin rät mir ja seit Langem, endlich zu einem Verhaltenstherapeuten zu gehen, da geht es auch schneller.« Und es kann eine lange Reihe von vergeb­lichen Anfragen erfolgen, weil er sein Anliegen als gebranntes Kind ungeschickt vorträgt oder weil Therapeuten unter Umständen überhaupt zögern, Abbrecher oder Weggeschickte in Therapie zu nehmen.
In dem Therapeuten mag sich abspielen, vielleicht nach länger errungenem Entschluss: »Das tue ich mir nicht weiter an; es scheint mir aussichtslos; dem bin ich nicht gewachsen; ich mag ihn einfach nicht usw. Ich hätte längst auf meinen Partner oder einen Kollegen hören sollen.« Vielleicht sind auch beide erschöpft oder resigniert, oder die ­Anfangsdiagnose stimmte nicht. Es gibt auch andere, banalere Gründe: Wegzug, berufliche Veränderungen, Krankheit usw. Dann handelt es sich, auch wenn es vom Patienten anders erlebt werden mag, nicht um Brüche oder Abbrüche, sondern um schicksalhafte Trennungen, um die sich ebenfalls viel seelische Arbeit oder Verzweiflung ranken kann. Auch da mag es traumatische Vorgeschichten von notwen­digen Trennungen geben, die ebenso einschlagen können wie eine dem ­Patienten angetane böse Abwendung.
Hunderttausende von fluchtbedingten traumatischen Trennungen von Kindern von ihren Familien vor, während und nach dem Kriegsende wird es gegeben haben. Zehntausende von Therapeuten ab 1949 waren jahrzehntelang damit beschäftigt. Je nach Alter und späteren schlimmen Folgen hinterließen sie Verstörung, Trauer, innere Spaltungen, Schuldgefühle und Selbstwertkonflikte. Das innere und äußere Wieder-Zusammenfinden der Auseinander-Gesprengten brauchte oft Jahre. Viele Wunden mussten bis heute bluten oder mit ins Grab genommen werden.
In meiner aus drei Kollegen bestehenden kompetenten Intervisionsgruppe mit verschiedenen Therapierichtungen arbeitenden Therapeuten geschah es, dass wir gleichzeitig an ohne Informationen abgetauchten Patienten litten. Wir grübelten zum Trost gemeinsam und blieben einer lastenden Ratlosigkeit und Ohnmacht ausgeliefert. Zum Glück schämten wir uns nicht voreinander angesichts langer Vertrautheit, und so waren die Brüche und Abbrüche, das wortlose Verschwinden leichter zu ertragen, das feige oder zornige oder verzweifelte Wegbleiben.
Dieses Thema tauchte in der Ausbildung bisher höchstens am ­Rande auf, obwohl es besonders für Kandidaten und jüngere Kollegen bedrückend sein kann, mit langwierigen Folgen für Wochen, Monate oder Jahre. Oft geht es um Selbstzweifel, Verunsicherung, Depression, Schuldgefühle, ja Unlust am Beruf, wenn die Katastrophen sich häufen. Mancher hat sogar schon angesichts der Enttäuschungen oder der aktivierten Selbstzweifel den Beruf aufgegeben. Psychotherapeuten und Psychoanalytiker sind mindestens so kränkbar wie normale Menschen, obwohl sie emotionale Katastrophen in langen Lehr­behandlungen und mit einfühlsamer Begleitung mehrfach durchgearbeitet haben sollten. Die Qualifizierten setzen sich geübt und sogar regelmäßig auch verwirrenden Phasen aus und sind es gewohnt, über therapeutische Verstrickungen zu reflektieren oder zu grübeln. An deren Lösungen wollen sie weiter wachsen und schließlich ernten. Doch ein tadelnder oder wortloser Abbruch bedeutet eine andere Wucht der beruflichen Tauglichkeitsprüfung.
Wenn ein vom Abbruch betroffener Psychotherapeut zur Tröstung oder zur Supervision zu mir kommt, lasse ich ihn zuerst berichten, würdige seinen Zorn oder seine Trauer, seine Versagensgefühle oder die verzweifelten Selbstanklagen. Dann biete ich ihm an, in Form einer Konfrontation auf dem »leeren Stuhl« (Fritz Perls) zum verlassenen Kollegen zu sprechen. Das geht zuerst zögerlich und stockend, dann aber können Tränen kommen oder selbstmitleidige, zornige, verwünschende, ja hasserfüllte Sätze. Im Rollenwechsel dann die Rechtfertigungsversuche, bittere Deutungen, zu spät geäußerte und nachgelieferte Kombinationen oder Rekonstruktionen, die – rechtzeitig verabreicht – vielleicht noch geholfen hätten, wenn sie nicht schon getränkt waren von den verschiedensten Tonarten des Vorwurfs oder der eingetretenen Kühle als Reaktion auf Angriffe oder undurchdringlichen Widerstand.
Ein gemeinsames verstehendes Durchsprechen der Katastrophe ist mit ihm oft nicht mehr möglich. Mein Lehranalytiker, den ich sehr geliebt und bewundert hatte, sagte nach einer bitteren und für beide enttäuschenden Endphase der Analyse: »Ja, das ist traurig, aber meine Erfahrung mit Ihnen kommt späteren Kandidaten mit hoffentlich leichteren Diagnosen zugute.« Ich fühlte mich resigniert verabschiedet und stürzte selbst in eine viel tiefere Resignation.
Genauere Vorgespräche, ein besseres Hinhorchen bei erneuerter Arbeit auf erahnbare Bruchstellen der Beziehung werden von jedem einzelnen Partner individuell oder auch gemeinsam beschlossen. Rechtzeitige Supervision oder Intervision wird vereinbart, gar gefordert oder versprochen, doch der stille Haupttrost der Therapeuten mag lauten: »Ich habe besten Willens und mit bester Vorbereitung gearbeitet, spüre jetzt auch ein Stück Läuterung oder Nachreifung. Wenn ich eines der neueren höchst klugen Bücher über Fehler­vermeidung und Fehlerkultur lese, wird es auch bei mir mit der stets verlangten Steigerung meiner Kompetenz schon einen guten Ausgang geben.«

 

 

 


Presseecho

»Der 82-jährige Psychoanalytiker Tilmann Moser spricht vom ›Geschenk einer sich langsam sogar steigernden Freude am Beruf‹. Er praktiziert, lehrt und forscht weiterhin, ›wenn auch mit verminderter Stundenzahl‹“. Sein Plädoyer für eine analytische Körperpsychotherapie richtet er an Kolleginnen und Kollegen und alle diejenigen, die sich auf psychotherapeutische Wege begeben, wie auch an jene, die sich im Spannungsfeld von Zuversicht und Resignation zurechtfinden wollen.«

(Jos Schnurer, socialnet)

 
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