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Katja Maurer / Andrea Pollmeier
Haitianische Renaissance
Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation
1. Aufl. 2020
228 S., 15,5 x 23,5 cm, Pb. Großoktav
19,90 €
ISBN 9783955582760

Lieferbar

Jede Idee einer postkolonialen Ordnung nimmt in Haiti ihren Ausgangspunkt. Indem Sklavinnen und Sklaven die Werte der Französischen Revolution für sich selbst durchsetzten und eine unabhängige Republik gründeten, hat die Haitianische Revolution 1804 in ihrer Wirkungsgeschichte ein neues Kapitel in der Universalgeschichte aufgeschlagen. Die Normen, die diese Revolution gesetzt hat – die Universalität der Menschenrechte – sind bis heute unhintergehbar und werden doch systematisch verletzt.

Zu einem Zeitpunkt, da die Debatte um die notwendige Dekolonisierung unserer europäischen Ideenwelt endlich neue Fahrt aufnimmt, setzt Haitianische Renaissance dem Herrschaftsnarrativ über die vielfach als gescheitert dargestellte haitianische Entwicklung eine vielfältige, facettenreiche Erzählung entgegen. Es geht um Fragen wie: Warum ist Haiti noch immer so fragil und die auf der gleichen Insel bestehende Dominikanische Republik vergleichsweise stabil? Wie haben sich von außen implementierte, ökonomische Großprojekte bewährt? Warum ist die internationale Hilfe nach dem Erdbeben 2010 so massiv gescheitert? Welche positiven Kräfte gibt es inmitten des »Chaos«?

Die Autorinnen sind diesen Fragen in Reportagen, Interviews und Hintergrundtexten, die historische, ökonomische, politische und kulturelle Kontexte herstellen, nachgegangen. In ihrem Buch versammeln sich bekannte Denkerinnen und Denker, Künstlerinnen und Künstler, Aktivistinnen und Aktivisten aus Haiti. Sie beleuchten kritisch das in europäischen Medien und auch in Nichtregierungsorganisationen verbreitete Narrativ über den »armen« karibischen Inselstaat und setzen der »single story« selbstbewusste Innensichten, geformt aus eigenen Analysen, Erfahrungen und Perspektiven außerhalb kolonialer Muster und Beziehungen, entgegen.

Erstmals ist nun in deutscher Sprache der Augenzeugenbericht des damaligen Repräsentanten der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in Haiti, Ricardo Seitenfus, zu lesen. Im Interview berichtet er, wie Vertreter demokratischer Staaten die Präsidentenwahlen nach dem Erdbeben 2010 manipulierten und versuchten, den haitianischen Staatspräsidenten René Préval durch einen Putsch außer Landes zu schaffen.

Nur selten zeigt sich so deutlich wie im Augenzeugenbericht von Ricardo Seitenfus, in welcher Weise Manipulationen und Desinformation auf höchster internationaler politischer Ebene vollzogen werden. Simple Narrative, die Haiti und die Haitianerinnen und Haitianer immer wieder für das Scheitern allein verantwortlich machen, werden hier eindrücklich widerlegt.

Auch die ausführliche Analyse der fehlgeleiteten Hilfe nach dem Erdbeben und die Einblicke in die Extraktionsökonomie zeigen, wie die postkolonialen Machtverhältnisse den Status quo der haitianischen Abhängigkeit zementieren.

Neben Ricardo Seitenfus kommen auch führende haitianische Intellektuelle wie Raoul Peck, Gary Victor, Suzy Castor, Yanick Lahens, Fritz Jean Alphonse und Vertreterinnen und Vertreter einer jungen haitianischen Zivilgesellschaft zu Wort. Sie zeichnen ein differenziertes und kritisches Bild der haitianischen Erfahrung.  

 


»Im letzten Kapitel des Buches ›Spuren, die aus der Misere führen‹, werden Ansätze zu neuen möglichen Entwicklungen zu einem neuen eigenen Weg von Haiti angedeutet. ›Noch ist offen, in welcher Weise sich Haiti auf eine eigenständige Zukunft zu bewegt. Keinesfalls ist es das sich selbst aufgebende Land, als das es in westlichen Medien meist sichtbar wird.‹«

(Martin Geisz, globlern21.de)

 

»Wie kann ein ehemals reiches Land sich entwickeln, das nach seiner Unabhängigkeit 1804 boykottiert wurde, bis in die 50er Jahre Reparationszahlungen an Frankreich leisten musste und von seiner eigenen Elite ausgebeutet wird? Die Autorinnen untersuchen Klischees und lassen viele Experten der haitianischen Geschichte zu Wort kommen.«

(missio magazin, 4/2020)

 

»Das Buch legt die Einsicht nahe, dass es an der Zeit ist, über den Begriff des Globalen Südens hinauszudenken und den Mikrogeschichten Raum zu geben, die zeigen, was für widerständige Alltagskulturen es weltweit gibt. Es braucht Narrative, die daran erinnern, wie eng die Geschichte Europas mit der anderer Länder verflochten ist. Haitianische Renaissance schafft einen unerwarteten Fluchtpunkt: Es lädt dazu ein, Europa und seine Werte von Haiti aus neu zu denken.«

(Ursula Grünenwald, faustkultur.de, 7/2020)

 

»Haitianische Renaissance ist kein Geschichtsbuch im strengen Sinn. Die 20 jeweils auch einzeln lesbaren Analysen, Interviews und Kommentare werfen ein neues Licht auf die Gegenwart des Inselstaats. (...) Derzeit wird auch in Hilfsorganisationen wieder über Rassisimus und die Kontinuität kolonialer Denkweisen diskutiert. Auch für diese Debatte erscheint das lesenswerte Buch zur richtigen Zeit.«

(Moritz Elliesen, weltsichten, 10/2020)

 

 

 
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