Detailansicht

 

Fernanda Pedrina
Babys und Kleinkinder in Not
Psychopathologie und Behandlung
1. Auflage 2020
348 S., 17,5 x 24,7 cm, Pb. Großoktav
39,90 €
ISBN 9783955582722

Lieferbar

Das Buch richtet sich an Psychotherapeut*innen, die sich mit der Behandlung von Störungen im Frühbereich befassen, entweder weil sie solche Behandlungen bereits durchführen oder weil sie sich darin ausbilden wollen. Es ist überdies für Fachleute von Interesse, die in der Beratung und Begleitung von Familien mit Kleinkindern tätig sind, da es über Therapieindikationen und aktuelle Vorgehensweisen berichtet.
Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Beschreibung von psychischen Störungen und deren Behandlung. Dabei werden die übergeordneten Prinzipien der Beziehungs- und Entwicklungsorientierung  befolgt, die im ersten Teil des ­Buches eingehend betrachtet werden.
Im zweiten Teil wird den wichtigsten Syndromen gemäß den DC:0–5-Definitionen je ein Kapitel gewidmet, in dem die vorhandenen Forschungsergebnisse zusammengefasst und in Hinblick auf ihre Bedeutung für die Klinik bewertet werden. Bei einzelnen Störungs­bildern werden sie von störungsspezifischen Interventionen ergänzt oder in eine übergeordnete multi­disziplinär-integrative Strategie zusammen­geführt.
 
 
 

Inhalt

Einführung


Grundsätze der Psychotherapie in der frühen Kindheit


Kommunikative Musikalität – Grundlagen der averbalen Kommunikation in der frühen Kindheit

Frühe Eltern-Kind-Beziehung und ihre Störungen – Entwicklungs- und beziehungsorientierte Behandlungstechnik in der Eltern-Säugling/Kleinkind-Psychotherapie
 
Spiel und Kreativität – Kommunikation bei zunehmender Symbolisierungs- und Mentalisierungsfähigkeit

Verletzte Elternschaft – Unterstützung der Eltern und Kindesschutz

Elternschaft, Migration und Kultur


Störungsspezifische Erkenntnisse und Behandlungsansätze


Ängste und Angststörungen in der frühen Kindheit – Trennungsangst im Fokus
In Zusammenarbeit mit Pamela Walker

Emotionaler Rückzug und frühkindliche Depression

Stress, Trauma und die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Deprivation und Misshandlung – Komplexe Traumafolgestörungen

Bindungsstörungen und ihre Prävention
In Zusammenarbeit mit Maria Mögel

Frühkindliche Essstörungen – ambulant und stationär – Eine interdisziplinäre Herausforderung
In Zusammenarbeit mit Monika Strauss

Neurologisch bedingte Entwicklungsstörungen – Frühdiagnostik und Beratung bei frühen Zeichen von Autismus und ADHS
 
 
 
 

Einführung

Im Dezember 2016 erschien das neue Diagnosemanual für psychische Störungen in der frühen Kindheit DC:0-5. Die Motivation für die Erstellung dieses Werkes war die Enttäuschung darüber, dass im wichtigen, kürzlich revidierten Referenzwerk DSM-5 entgegen den Erwartungen kaum eine Diagnose, die für den Bereich der frühen Kindheit relevant ist, berücksichtig wurde. Dies obwohl in den letzten 20 bis 30 Jahren im Bereich der Entwicklungspsychopathologie und der früh einsetzenden Psychotherapien zahlreiche relevante Forschungsergebnisse publiziert worden waren. Einzig die Posttraumatische Belastungsstörung mit dem Zusatz »für Kinder unter 6 Jahren« wurde als genügend validiert erachtet, um darin aufgenommen zu werden. Doch gerade für die Konsolidierung vorläufiger diagnostischer Konstrukte muss sich die weitere Forschung auf allgemein anerkannte Definitionen dieser Störungen stützen können. Die Redaktionsgruppe des DC:0-5 unter der Leitung von Charles H. Zeanah, die die Arbeit als dringlich notwendige Aktualisierung des seit 2005 im Gebrauch stehenden DC:0-3/R aufgleiste, hat dazu alle Mitglieder der WAIMH, des Weltverbandes der Fachspezialisten im Bereich der Frühen Kindheit, per E-Mail eingeladen, ihre Erfahrungen mit diesem früheren Manual mitzuteilen, Verbesserungen anzuregen und auf Lücken hinzuweisen. 890 Kolleginnen und Kollegen antworteten dem Aufruf. Zwei Jahre später wurde der erste Entwurf des revidierten Manuals, das sich wegen den tiefgreifenden Veränderungen als Neufassung entpuppte, erneut zur allgemeinen Kommentierung an WAIMH-Mitglieder und weitere Institutionen verschickt. Das fertige Werk stellt für diejenigen, die die Entwicklung des jungen Fachbereiches seit den 1980er Jahren verfolgt haben, eine spannende und aufregende Lektüre dar. Bekannte und neu hinzugetretene klinische Entitäten sind in einem logisch aufgebauten und umfassenden Klassifikationsschema geordnet, womit auch ein Spezialist auf die ihm entgangenen Fortschritte aufmerksam gemacht wird. Neben den durchgehend (mit einer einzigen Ausnahme) als Individualdiagnosen konzipierten Kategorien, wird die vom DMS-5 fallengelassene multiaxiale Struktur beibehalten, um die im frühen Alter unerlässliche Erfassung des Betreuungsumfeldes, des sozialen Kontextes, des Entwicklungsstandes und der körperlichen Verfassung des Kindes sicherzustellen (Pedrina, 2017). Trotz der kritisierten, noch nicht evidenzgestützten Diagnosen halten die Autoren selbstbewusst fest: »Wir müssen der Welt sagen, dass psychische Probleme schon in der frühen Kindheit vorkommen und dass es unsere Verantwortung ist, die negativen Auswirkungen, die sie auf die frühe Entwicklung haben, zu minimieren.« (Risholm Mothander, 2016, S. 523f.) DC:0-5 war auch Anstoß für die Verfassung des vorliegenden Buches, indem es dazu ermutigte, neben der Thematik der Interaktions- und Beziehungsstörungen auch den individuellen kindlichen Störungsbildern gebührend Raum zu geben. Das Buch ist in erster Linie für Psychotherapeuten gedacht, die sich mit der Behandlung von Störungen im Frühbereich befassen, entweder weil sie solche Behandlungen bereits durchführen oder weil sie sich darin ausbilden wollen. Es kann auch für andere Fachleute, die in Beratung und Begleitung von Familien mit Kleinkindern tätig sind, von Interesse sein, da es über Therapieindikationen und aktuelle Vorgehensweisen berichtet. Erwachsenentherapeuten können erfahren, wie komplex frühe Psychopathologien sind, wie viele Faktoren den weiteren Lebenslauf bestimmen und bei späteren therapeutischen Rekonstruktionen mitgedacht werden können. Der Schwerpunkt des Buches liegt in der Beschreibung psychischer Störungen und deren Behandlung. Dabei werden die übergeordneten Prinzipien der Beziehungsorientierung und Entwicklungsorientierung befolgt, die im ersten Teil des Buches eingehend behandelt werden. Das Kind kann in der Tat nicht unabhängig von seinem nahen Betreuungsumfeld und auch nicht losgelöst vom kulturellen Kontext, nach dem sich seine Familie richtet, gesehen werden. Dem wird Rechnung getragen, indem das Bild der frühen Eltern-Kind-Beziehungsstörung dargelegt wird, die Bedeutung der elterlichen Funktion sowie die Auswirkungen elterlicher Beeinträchtigungen erörtert werden und das Postulat eines kultursensitiven Vorgehens thematisiert wird. Das Kind ist aber auch von Anfang an ein Subjekt, das nicht nur mit seinen Bindungspersonen, sondern auch mit der weiteren Umwelt Austausch sucht und kommunizieren kann. Deshalb werden die frühe kommunikative Musikalität, die somatisch artikulierten Manifestationen von Stress, die sich entwickelnden Formen der vorsprachlichen und sprachlichen Kommunikation sowie des vorsymbolischen und symbolischen Spiels ebenfalls dargestellt. Diese dienen dem direkten Austausch der Therapeutin mit dem Kind, die dank dieser Erfahrung auch das Erleben der Eltern besser verstehen kann. Die eingehende Erörterung der Äußerungen von Säuglingen und Kleinkindern, welche die noch eng verknüpften körperlichen, psychosomatischen, emotionalen und kognitiven Aspekte der Entwicklung widerspiegeln, will ein Gegengewicht zu der in der Praxis der Eltern-Kleinkind-Psychotherapie häufig vorherrschenden Aufmerksamkeit für die elterliche Kompetenz bzw. die elterliche Vorstellungswelt  und Konflikthaftigkeit bilden. Um die stets vorhandene Angst der Eltern modulieren zu können, muss ja die Therapeutin in der Beurteilung des Kindes sicher ein. Im zweiten Teil werden den wichtigsten Syndromen gemäß den DC:0-5-Definitionen je ein Kapitel gewidmet, in denen die vorhandenen Forschungsergebnisse zusammengefasst und in Hinblick auf ihre Bedeutung für die Klinik bewertet werden. Bezüglich der Therapie kommen auch hier die im ersten Teil aufgeführten Konzepte zur Anwendung. Bei einzelnen Störungsbildern werden sie aber von störungsspezifischen Interventionen ergänzt oder in eine übergeordnete multidisziplinär-integrative Strategie eingefügt. Am deutlichsten ist dies bei der gut untersuchten Posttraumatischen Belastungsstörung erfolgt, in der die Abfolge der Interventionen vom Verlauf der Traumareaktion und -verarbeitung vorgegeben wird und in der die Therapeutin von Anfang an eine aktiv gestaltende Haltung übernehmen muss. Auch neue Erkenntnisse zu Angststörungen und Depression sowie zu den Formen ihrer Weitergabe in der Interaktion mit erkrankten Eltern lassen künftige störungsspezifische Schwerpunkte der Therapie erahnen. Einen besonderen Stellenwert haben die neurologisch bedingten Entwicklungsstörungen inne, weil deren Studium eindringlich auf die früh noch vorhandene neurobiologische Plastizität hinweist und die Bedeutung von Früherfassung und Frühintervention – besonders bei den Autismus-Spektrum-Störungen – hervorhebt. Die Kapitel des zweiten Teiles decken anhand ausgewählter Beispiele die breite Palette der frühen Störungen ab; sie beschränken sich nicht auf die häufigsten Störungsbilder, die zum Aufsuchen einer Beratungsstelle führen, sondern nehmen auch die schweren oder selteneren Störungen in den Blick, mit denen wir in der Zusammenarbeit mit Kinderkliniken oder Kindesschutzbehörden konfrontiert werden. Diese Kapitel können als einzelne Essays, je nach Bedarf und Interesse, gelesen werden. Jedes Kapitel enthält ein entsprechendes ausführliches Fallbeispiel. Die Darstellung ist praxisorientiert: Es wird über Symptome und über Informationen der Eltern oder Betreuer; ebenso werden die emotionalen Ausdrücke der an der Sitzung beteiligten Personen und die bei der Therapeutin ausgelösten Gefühle und Gedanken chronologisch notiert. Zwischengeschaltete Kommentare legen die handlungsleitenden Hypothesen der Therapeutin offen. Der Bericht ist wenig geglättet und nicht primär als Illustration der behandelten Theorie gedacht; er beinhaltet möglicherweise Brüche und schwer einzuordnende Beobachtungen, die den Leser anregen, sich alternative Interventionen und dementsprechend einen anderen Verlauf der Therapie auszudenken. Mit diesem Vorgehen wird versucht, die Bedeutung der persönlichen und unverwechselbaren Begegnung eines Therapeuten mit seinem Patienten – Baby, Kleinkind und Familie – und die Rolle der Kreativität in diesem Austausch zu unterstreichen, der zu komplex ist, als dass er mit einfachen Therapieanweisungen angeleitet werden kann. Manualisierte Therapien sind für die Forschung nötig und deren Ergebnisse beeinflussen und verbessern die Arbeit in der Praxis. In der Arbeit mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern bleibt aber die Praxis der Ort, wo sich immer noch viele offene Fragen aufdrängen und erst in der persönlichen therapeutischen Involviertheit Antworten finden. In den Anfängen der Eltern-Kind-Psychotherapie waren das Wahrnehmen von Lücken im theoretischen Verständnis und die Intuition für eine der Situation angemessene Handlung unerlässlich, um das enge Korsett der klassischen psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und Behandlungstechnik zu sprengen. Dadurch konnten beim Baby und Kleinkind die Vorgänge der psychischen Strukturierung und die noch wenig bekannten frühen interpersonalen und psychodynamischen Prozesse situativ präziser und mit Rücksicht auf das interdisziplinäre Arbeitsumfeld neu bestimmt werden. Heute verfügen wir in Teilbereichen über solides evidenzbasiertes Grundlagenwissen; Intuition ist weiterhin wichtig, um den noch nicht umfassend erschlossenen Fachbereich weiterzubringen. In der Wahl der Überschrift vieler Kapitel kommt die Orientierung an den Diagnosen, welche statisch die zu einem gegebenen Zeitpunkt erfassten Symptome widergeben, zum Ausdruck; die Ausführungen zu den jeweiligen therapeutischen Hypothesen und Interventionen sind hingegen prozessorientiert. Zwischen beiden Sichtweisen besteht ein gewisses Spannungsverhältnis, das sich im Laufe der kindlichen Entwicklung unterschiedlich konstelliert. In den frühesten Lebensjahren steht die Prozessorientierung im Vordergrund: Interaktionsauffälligkeiten und kindliche Symptome verändern sich häufig schnell und lassen auf einen günstigen Verlauf hoffen, in dem die Diagnosestellung sich erübrigt. Mit der Zeit, insbesondere nach der Mitte des zweiten Jahres, sind psychische Störungszeichen beim Kind stabiler und deutlicher von Beziehungsbelastungen abzugrenzen. Individuelle Diagnosen werden für die Therapieindikation relevanter, wobei die Therapeutin sorgfältig die allenfalls nicht optimale Betreuungs- und Umgebungssituation einschätzen und gewichten muss, um eine unbegründete und potenziell stigmatisierende Zuschreibung der Störung bei dem Kind zu vermeiden. Hilfreich für den Umgang mit den unterschiedlichen Haltungen in Bezug auf diagnostische Festlegung bzw. therapeutische Prozesse ist die in der Einleitung des DC:0-5 in Erinnerung gerufene gegenseitige Abgrenzung der drei Konzepte Abklärung, Diagnose und Fallbeschreibung (oder Fallkonzept). Während der Abklärungsprozess sich auf die Erhebung der Anamnese, der klinischen Untersuchung und eventuell ergänzenden Tests bezieht, teilt die Diagnose die erhobenen Befunde dem mpassenden Syndrom zu, womit der Austausch mit anderen Fachpersonen und der Zugang zum vorhandenen Wissen ermöglicht wird. Die Fallbeschreibung erzählt die individuelle Geschichte der Entstehung des Störungsbildes, seine Verbindung mit körperlichen Zuständen und mit der interaktiven, familiären und sozialen Dynamik, seinen Bezug zum Entwicklungsstand und den inneren Prozessen der psychischen Strukturierung; danach richten sich die psychoanalytischen Hypothesen und das therapeutische Vorgehen (Pedrina, 2017). Die Behandlungsgrundsätze, die in diesem Buch formuliert werden, schreiben sich im Kontext der psychoanalytisch orientierten Verfahren ein und haben sich während meiner fast 40-jährigen Praxistätigkeit in der Auseinandersetzung mit den Patienten einerseits und der sich entfaltenden Forschungs- und klinischen Literatur zu diesem Thema andererseits weiterentwickelt. Die wichtigsten Arbeiten und Autoren, die diese Entwicklung beeinflusst haben, möchte ich nachfolgend erwähnen. René Spitz hat mit seinen Untersuchungen an heimplatzierten Säuglingen eine der ersten Beschreibungen der frühkindlichen Psychopathologie publiziert, nämlich die Folgen von emotionaler Deprivation. Seine Arbeit hat die Verbesserung der Heimbetreuung eingeleitet. Die psychotherapeutische Arbeit mit dem psychosomatisch erkrankten Baby Seine eingehende Theoretisierung der mütterlichen Fürsorge, der Mutter-Kind-Beziehung und der Bedeutung von Spiel und Kreativität in der frühen Entwicklung und in der Therapie ist grundlegend und bis heute inspirierend. Als Pionierin der kombinierten Eltern-Säugling-Psychotherapie gilt Selma Fraiberg, Psychoanalytikerin und Sozialarbeiterin, die mit ihrer »Therapie in der Küche« das Behandlungssetting wesentlich erweitert hat und die Eltern-Kind- Beziehung als Fokus der therapeutischen Intervention bestimmt hat. Ihr Buch Clinical studies in infant mental health: the first year of life (1980) stellt die erste umfassende Darstellung der Behandlungstechnik für die frühe Kindheit dar. Mit dem berühmt gewordenen Bild der Gespenster in der Kinderstube, mit dem Fraiberg die negative Auswirkung unbewusster elterlicher Konflikte auf die Befindlichkeit und Entwicklung des Babys (und deren Aufhebung bei gelingender Deutung) beschrieb, hat sie eine überzeugende Botschaft im zunehmend interdisziplinär vernetzten Fachgebiet hinterlassen. Die Psychoanalyse, die sich in dieser Zeit mit der Konkurrenz anderer Therapieschulen konfrontiert sah und an Bedeutung verlor, konnte sich im Bereich der frühen Kindheit wegen dieses fassbaren Hinweises auf unbewusste Vorgänge halten und war stets akzeptiert – auch weil sie sich als entwicklungsfähig erwies. Fraiberg zum Beispiel nimmt an keiner Stelle Bezug auf das von der Psychoanalyse damals verworfene Konzept von John Bowlby der Bindung und auf die inzwischen wissenschaftlich ausgebaute Bindungstheorie. Doch mit der Rezeption der Säuglingsforschung und der Anerkennung der Bedeutung phänomenologischer Beobachtungen für ein vertieftes Verständnis der kindlichen Entwicklung wurde die Bindungstheorie allmählich integriert. Ein wichtiger Beitrag in diese Richtung lieferte der Psychoanalytiker und Säuglingsforscher Daniel Stern mit seiner innovativen Konzeptualisierung der frühen Selbstentwicklung im Kontext der Bindungsbeziehung. Die Folgen dieser neuen Auffassung auf die Therapie stellte er im Buch The matherhood constellation: a unified view of parent-infant-psychotherapy (1995) dar. Von ihm stammt die Beschreibung der zahlreichen Feedback-Schleifen, die im Beziehungsgeflecht zwischen Mutter, Vater, Kind und Therapeut/in stattfinden sowie die behandlungstechnische Idee des »port of entry«. Gemäß dieser können therapeutische Interventionen bei verschiedenen, an der Sitzung anwesenden Personen oder direkt bei der Interaktion ansetzen sowie in verschiedenen Modalitäten erfolgen, da die Wirkung jeder Intervention sich im ganzen interpersonalen dynamischen System ausbreitet. Für den zunehmenden interdisziplinären Austausch und dessen Internationalisierung waren in der Folge die Kongresse der WAIMH ein wichtiger Treffpunkt. In Deutschland entstanden die ersten sogenannten Baby-Ambulanzen in Anlehnung an die von Hanuš und Mechthild Papoušek 1991 gegründete »Münchner Sprechstunde für Schreibabys«, die sich zunächst auf einem aus der Forschung der vorsprachlichen Kommunikation entwickelten Behandlungsmodell stützte; später wurde es mit systemischen und psychodynamischen Elementen ergänzt. Aus dieser Geschichte ist die für Deutschland kennzeichnende Betonung der Regulationsstörungen in der frühen Pathologie und der interaktiven Regulation als Therapieansatz zu erklären – im Unterschied zur angelsächsischen, stärker psychoanalytisch geprägten Tradition, die von vornherein Beziehungsstörungen mit ihren manifesten und latenten, emotionalen Komponenten thematisiert hat. Im später von Manfred Cierpka und Eberhard Windaus herausgegebenes Buch Psychoanalytische Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie (2007) wird der Fokus auf die Einschätzung der elterlichen Struktur gelegt, da in der therapeutischen Erfahrung inzwischen deutlich geworden war, wie sich der Eltern-Kind-Therapieverlauf bei Eltern mit Persönlichkeitsbeeinträchtigungen schwieriger gestaltete als bei neurotisch depressiven Eltern. Ebenfalls ab den 1990er Jahren wurde derweil in den USA die Forschung zu den Posttraumatischen Belastungsstörungen und den komplexen Traumafolgestörungen auch im Kleinkindesalter aufgenommen, nachdem in der entsprechenden Forschung bei Erwachsenen bedeutende und therapieleitende Einsichten gewonnen worden waren. Das nächste wichtige Behandlungsbuch zur frühen Kindheit, Psychoterapy with infants and young children (2008), hat die amerikanische Psychoanalytikerin Alicia Lieberman mit der Juristin und Kindeschutzexpertin Patricia van Horn verfasst. Der Untertitel Repairing the effects of stress and trauma on early attachment brachte klar die Bedeutung der Bindungsbeziehung im Kontext traumatischer Ereignissen zum Ausdruck. Die Beeinträchtigung von Bindung wurde quasi als Paradigma für das Verständnis fast aller frühen psychischen Störungen dargestellt und deren Wiedergutmachung, sei es mit den primären Bezugspersonen oder mit zugewandten Pflegepersonen, als zentrales therapeutisches Ziel erklärt. In den Beschreibungen der stattfindenden Prozesse wurden die Konzepte der reflexiven Funktion der Eltern und der Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit beim Kind eingeführt, die Peter Fonagy, Mary Target und Mitarbeiter in ihren entwicklungspsychologischen, ebenfalls auf die Bindungstheorie stützenden Forschungen ausgearbeitet hatten. Lieberman bekannte sich als erste psychoanalytisch orientierte Baby-Spezialistin auf das multitheoretische Hintergrundwissen des Faches und auf den Einbezug von Interventionen aus anderen Schulen in die Behandlung. Dies istzum Beispiel im Umgang mit akuten Traumatisierungen, bei denen Hilfe zur Selbstregulation und zur Wiederherstellung der kognitiven Kohärenz zuerst anstehen, offensichtlich nötig. Das von Lieberman & van Horn vorgestellte Therapiekonzept für posttraumatische Störungen begründet neu einen störungsspezifischen Zugang auch im Frühbereich. Alle zitierten Behandlungswerke (bis auf Lieberman & van Horn) gehen von den jeweils neuesten Entwicklungen in der Entwicklungspsychologie und -psychopathologie aus, welche die zur Gesundheit oder zu beeinträchtigten Zuständen führenden Prozesse schildern, und formulieren allgemein anwendbare Regeln, wie diese Prozesse positiv in Richtung der Genesung oder einer günstigeren Entwicklung des Kindes und der Familie beeinflusst werden können. Im vorliegenden Buch wird dieser Ansatz im ersten Teil befolgt. Im zweiten Teil wird darüber hinaus – als neue Sichtweise, die u. a. der Ausweitung der Untersuchung bis auf das Alter von fünf Jahren und der damit einhergehend zunehmenden Bedeutung der individuellen Psychopathologie geschuldet ist – das aktuelle Wissen über die wichtigsten, in der frühen Kindheit auftretenden Syndrome erkundet und es werden störungsspezifische Ansätze oder Schwerpunkte identifiziert, die neben der grundsätzlichen Ausrichtung auf die Unterstützung der nahen Beziehungen des Kindes und auf die richtige Einschätzung seines aktuellen Entwicklungspotenzials berücksichtigt werden sollten.
 
 
 

Presseecho

»Die klinische Erfahrung der Autorin und die Durchdringung der komplexen Materie werden besonders deutlich bei den eingeflochtenen klinischen Fallvignetten, die theoretische Aspekte jeweils gekonnt illustrieren. Der störungsspezifische Teil ist eine wahre Fundgrube für in der Frühen Kindheit tätige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Dieses Buch wird sich wahrscheinlich zu einem deutschsprachigen Standardwerk der psychodynamisch orientierten Eltern-Kind-Therapie entwickeln.«

(Daniel Bindernagel, in: Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy)

 

»Es ist das große Verdienst des vorliegenden Buches, dass es konsequent die kindliche Psychopathologie ab Mitte des zweiten Lebensjahres als Dreh- und Angelpunkt definiert. Damit wird zuerst das Kind als Individuum vermehrt in den Mittelpunkt gerückt und danach werden die Störungen auch im komplexen Zusammenspiel mit der Eltern-Kind-Dynamik bzw. mit den elterlichen Persönlichkeitsvariablen gesehen und therapeutisch angegangen.
Insgesamt ein wichtiges und empfehlenswertes Buch, welches alle Psychotherapeutinnen, die mit kleinen Kindern und deren Eltern arbeiten, lesen sollten. Doch auch alle anderen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen können diesem Buch vielfältige Anregungen entnehmen.«

(Maria Teresa Diez Grieser, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie)

 

»Dieses hervorragende Buch ist nicht ausschließlich Psychotherapeut*innen, die mit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern arbeiten, zu empfehlen, sondern auch für Fachleute in der Beratung und Begleitung von Familien mit jungen Kindern geeignet. Durch die gut verständlichen und anschaulichen Fallbeispiele aus den ambulanten- und stationären Behandlungen ist dieses Buch auch für Fachleute, die mit den theoretischen Konzepten weniger vertraut sind, eine gewinnbringende und sehr zu empfehlende Lektüre.«

(Éva Hédervári-Heller, in: Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie)

 
zum Anfang      zurück