Detailansicht

 

Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (AKJP) 137, 1/2008
Entwicklungen in der Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalyse
Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 137
Mit Beiträgen von Gustav Bovensiepen, Michael Günter, Michael Naumann-Lenzen, Renate Schepker, Silke Wiegang-Grefe, Mechthild Zeul
1. Aufl. 2008
144 S., Pb.
19,90 €
Lieferbar

Inhalt


Vorwort

Gustav Bovensiepen
Mentalisierung und Containment
Kritische Anmerkungen zur Rezeption der Entwicklungs und Bindungsforschung in der klinischen Praxis

Michael Günter
Kinderanalyse zwischen Tradition und Interdisziplinarität
Was ist der Goldstandard? Klassisches Setting, wissenschaftliche Legitimation ...

Michael Naumann-Lenzen
»Wege und Irrwege« in der kinderanalytischen Behandlung der frühen Störungen
Impressionen und thesenhafte Überlegungen zu einigen Problemen der Kinderanalytiker auf dem Weg in die interdisziplinäre Moderne

Silke Wiegand-Grefe
Wenn Eltern psychisch krank werden…

Forum
Renate Schepker
Psychotherapieforschung
Bedingung, Funktion und Bedeutung in der analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie

Film und Psychoanalyse
Mechthild Zeul
Little Miss Sunshine:
Eine Reise auf der Suche nach kindlichen Identitäten

Buchbesprechung



Abstracts


Gustav Bovensiepen
Mentalisierung und Containment
Kritische Anmerkungen zur Rezeption der Entwicklungs und Bindungsforschung in der klinischen Praxis

Die Beobachtungen des Autors als Gutachter für die Richtlinienverfahren und in Supervisionen zeigen einen zunehmenden Trend zur inflationären Verwendung und zum stark vereinfachenden Gebrauch von Konzepten aus der Bindungs- und Mentalisierungsforschung. Diese Rezeption wird kritisiert, da es paradoxerweise eher zu einer Verminderung der Sensibilität für die psychische Bedeutung und Differenziertheit des frühen Bindungs- und Beziehungserlebens des Kindes und seiner Eltern führt. Ein oberflächliches Verständnis des Mentalisierungskonzeptes birgt die Gefahr, dass das Unbewusste als zentraler Fokus der Psychoanalyse verschwindet und diese so zu einer Affekt-Interaktions-Psychologie wird. Es wird dann ein vertiefender Vergleich des Mentalisierungskonzeptes der Forschungsgruppe um Fonagy in Beziehung zum Modell der Container/Contained-Beziehung von Bion durchgeführt und die These vertreten, dass es nicht parallele Konzepte sind, sondern dass sie einander ergänzen. Anhand zweier kurzer Fallvignetten werden einige Fragen angeregt, die eine vertiefte Auseinandersetzung dieser Entwicklungsforschung mit der Behandlungspraxis aufwerfen könnten.


Michael Günter
Kinderanalyse zwischen Tradition und Interdisziplinarität
Was ist der Goldstandard? Klassisches Setting, wissenschaftliche Legitimation ...

Die Kinderanalyse steht heutzutage vor mannigfachen Herausforderungen. Von außen wird ihre wissenschaftliche Legitimation und ökonomische Effizienz in Frage gestellt. Innerhalb der Profession gibt es zahlreiche Kontroversen über theoretische und behandlungstechnische Fragen. Die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie und der therapeutischen Technik in den letzten fünfzig Jahren hat dazu geführt, dass wir heute Patienten behandeln können, die früher als nicht behandelbar zu gelten hatten. Zugleich werden psychoanalytische Theorien den komplexen Vorgängen in unserer Psyche und den physiologischen Prozessen in unserem Gehirn vermutlich eher gerecht als einfache Modelle, die stark am beobachtbaren Verhalten orientiert sind. Psychoanalytische Behandlungsansätze erscheinen daher bestens geeignet, integrative therapeutische Konzepte zur Behandlung komplexer Störungen zu entwickeln. Der Autor plädiert dafür, neben dem klassischen Setting systematisch neue Formen der psychoanalytisch orientierten Therapie auf- und ausbauen und ihre Theorie der Technik zu entwickeln und erläutert die Relevanz seiner Überlegungen für verschiedene Praxisfelder. Der gemeinsame Bezugspunkt allen psychoanalytischen Arbeitens mit Kindern und Jugendlichen und ihren Familien wird unabhängig von der jeweiligen Settingkonstruktion in der Ausrichtung auf ein Verstehen des dynamisch wirksamen Unbewussten gesehen, das sich in Übertragung und Gegenübertragung entfaltet.


Michael Naumann-Lenzen
»Wege und Irrwege« in der kinderanalytischen Behandlung der frühen Störungen
Impressionen und thesenhafte Überlegungen zu einigen Problemen der Kinderanalytiker auf dem Weg in die interdisziplinäre Moderne

Der Autor erkennt einen Legitimationsdruck auf vertraute metapsychologische Konzepte und klinische Protokolle der AKJP (als Teil der psychoanalytischen community), hervorgerufen durch Befunde in außeranalytischen Forschungsbereichen sowie unbefriedigende Behandlungsverläufe und -ergebnisse, insbes. im Bereich der sogenannten »frühen« Störungen. Angesichts dieser Herausforderung lassen sich gegenläufige reaktive Tendenzen konstatieren: Einer »traditionsverhafteten« Reserve gegen Umbau steht eine im klinischen Bereich bereits weitgehend vollzogene Methodenkombinatorik entgegen. Motive für Beharrung in Innovation sowie der, bei gegenwärtigem Kenntnistand, bemerkenswerte »gültige« Beitrag der Psychoanalyse werden skizziert. Angesichts der epochalen Leistungen der Psychoanalyse plädiert der Autor für eine selbstbewusste Öffnung hin zu außeranalytischen Erkenntnissen und behandlungstechnischen Anregungen. Er mahnt diese Öffnung als notwendig an insbes. im Hinblick auf die strukturschwachen Störungsbilder. Diesbezüglich besteht zudem dringender, curricularer Handlungsbedarf im Bereich des TFP-Verfahrens, das and den Ausbildungsinstituten nach wie vor weitgehend in einem Residualstatus verharrt. Abschließend werden anhand eines Behandlungsverlaufs bei einer schweren »frühen« Störung die einzunehmende Haltung und die Interventionstechniken erörtert.


Silke Wiegand-Grefe
Wenn Eltern psychisch krank werden…

In Deutschland leben nach Schätzungen ca. zwei bis drei Millionen Kinder psychisch kranker Eltern (Remschmidt u. Mattejat, 1994; Lenz, 2005). Neben genetischen Faktoren spielen multiple psychosoziale Faktoren sowie Belastungs- und Risikofaktoren eine wesentliche Rolle bei der Frage, ob die Kinder später selbst erkranken. Eine kompensierende Schutzfunktion scheint einer angemessenen Krankheitsbewältigung in der Familie sowie stabilen, tragfähigen und vertrauensvollen inner- und außerfamiliären Beziehungen zuzukommen. Präventive Projekte sind notwendig, um betroffene Familien in diesen Faktoren frühzeitig zu unterstützen. Im Präventionsprojekt »CHIMPs«2 (Children of Mentally Ill Parents) wird ein psychoanalytisch familienorientiertes Präventionsangebot für Familien mit psychisch kranken Eltern entwickelt und evaluiert. Das Projekt wird in dieser Arbeit kurz vorgestellt.

 
zum Anfang      zurück