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Diethelm Blecking / Gerd Dembowski (Hrsg.)
Der Ball ist bunt
Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland
Vorwort von Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes
1. Aufl. 2010
304 S., Großformat 16,5 x 22 cm, Frz. Br. mit zahlr. Abb.
9,90 €
ISBN 9783860996140

Lieferbar

 

Fußball in Deutschland fasziniert mit ca. 80.000 Spielen pro Wochenende Menschen verschiedenster ethni-scher und sozialer Herkunft; seien sie Spieler oder Fans, Männer oder Frauen, Mädchen oder Jungen. Sie alle haben den Fußball und sein Vereinsleben in Deutschland dadurch gründlich verändert. Inzwischen verkörpert der Fußball einen praktischen Kosmopolitismus, der jenseits von Ausgrenzungen, Rassismus und Geschlechterbarrieren gelebt werden kann.

Dieser vielstimmige und reich mit Fotos ausgestattete Band zeigt die Gegenwart und Geschichte des Fußballs in Deutschland mit dem alten kosmopolitischen Traum von der Akzeptanz der Vielfalt und der gemeinsamen kulturellen Produktion in Verschiedenheit.

»Die Herkunft der Spieler spielt absolut keine Rolle: Das ist das Schöne am Fußball: es dreht sich alles um den Ball. Die Menschen lieben ihn überall gleich. Fußball kann also weltweit jeder mit jedem spielen. Das ist das Phantastische am Fußball.«
(Patrick Owomoyela)

Beiträge von und mit Halil Altintop, Aysun Bademsoy, Ronny Blaschke, Diethelm Blecking, Detlev Claussen, Gerd Dembowski, Markus Flohr, Gunter Gebauer, Erdal Keser, Gül Keskinler, Patrick Owomoyela, Mesut Özil, Lorenz Peiffer, Dietrich Schulze-Marmeling, Mirko Slomka, Mark Terkessidis, Moshe Zimmermann, Theo Zwanziger und vielen anderen.

 


»… Das Buch reicht von der kritischen Analyse … über positive Erlebnisse der Profis …« und »man ahnt wohl, dass Keskinler noch viel Arbeit beim DFB vor sich hat.«
(Der Spiegel, Nackte Probleme, 18/2010)

»Ein schönes Buch mit Tiefgang…«
(Fußballmagazin ballesterer 52/2010)



SPIEGEL ONLINE 07. Juli 2010, 07:19 Uhr
Migranten im DFB-Dress - "Aus dem Traum muss Alltag werden"


Khedira, Boateng, Özil - nie zuvor kickten in der deutschen Elf so viele Spieler mit Migrationshintergrund. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Sportsoziologe Diethelm Blecking, warum solche Karrieren jahrzehntelang in Deutschland nicht möglich waren und was der DFB dazugelernt hat.

SPIEGEL ONLINE: Statt für Kohler, Matthäus, Brehme begeistern sich die Deutschen bei dieser WM für Khedira, Boateng und Özil. Niemals zuvor kickten in der deutschen Nationalmannschaft so viele Spieler mit Migrationshintergrund. Warum hat das so lange gedauert?

Blecking: Die Nationalmannschaft spiegelt mittlerweile die Realität einer Einwanderergesellschaft. Zuwanderer versuchen über Leistungssport aufzusteigen und Karriere zu machen, unser Bildungssystem verschließt ihnen diese Möglichkeit leider auf vielen anderen Ebenen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum geschieht diese Entwicklung erst jetzt? Die Gastarbeiter kamen doch schon in den Sechzigern nach Deutschland?

Blecking: Das ist eine falsche Perspektive. Wir haben seit 1908 eine Nationalmannschaft und schon immer haben dort Zuwanderer mitgespielt: Abramczik, Adamkiewicz, Aogo, Asamoah, Owomoyela, Tilkowski, Trochowski…

SPIEGEL ONLINE: …genug, genug, wir haben es verstanden.

Blecking: Wir hatten mittlerweile über 100 Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln, nur nahmen wir die lange Zeit nicht wahr. Jupp Posipal, der Held von '54, besaß zum Beispiel einen rumänischen Pass, und Rainer Bonhof, der Held von '74, einen niederländischen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat sich aber inzwischen unzweifelhaft etwas verändert. Elf der 23 derzeitigen deutschen Nationalspieler haben einen Migrationshintergrund, in der U19 sind es sogar zwei Drittel. Warum war das nicht schon früher möglich?

Blecking: Es musste erst zur Krise des deutschen Fußballs kommen, ehe sich etwas so Grundsätzliches ändern konnte. Nach dem schlechten Abschneiden bei der WM 1998 und der EM 2000 merkte man, dass ein Großteil der Talente in der Bundesrepublik unentdeckt geblieben war, ungefördert, und diese Verschwendung hat man damals unbedingt abstellen wollen. Seither ist viel passiert. Der DFB macht inzwischen eine vorbildlich professionelle Jugendarbeit, von der auch Migranten stark profitieren. Gleichzeitig gibt es auch einen gesellschaftlichen Diskurs über Integration.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn Migranten vorher an einer großen Fußballerkarriere gehindert worden?

Blecking: Das ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend untersucht worden, aber es gibt Anzeichen dafür, dass es so war. In Interviews ist immer wieder davon zu lesen, dass sich türkische Spieler in ihren Vereinen nicht ihren Leistungen entsprechend eingesetzt fühlten. Da hat wohl schon eine Art negativer Diskriminierung stattgefunden, man kann es auch Ausgrenzung nennen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Blecking: Der erste Türke in einem hochklassigen deutschen Club war ein gewisser Çoskun Ta, türkischer Nationalspieler, der mit dem 1. FC Köln im Jahr 1960 um die Deutsche Meisterschaft spielte. In der entscheidenden Partie wurde er nicht eingesetzt, obschon er zuvor hervorragend aufgelegt war. Man sagte ihm, man könne es dem Publikum nicht zumuten, einen Türken auflaufen zu lassen. Diese informellen Ausgrenzungen im Fußball gab es jahrzehntelang immer wieder.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist nun Vergangenheit?

Blecking: Ich denke schon. Der DFB ist jedenfalls auf einem sehr guten Weg.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Erfolg dieser »bunten« Nationalmannschaft für das Verhältnis junger Migranten zu ihrer neuen Heimat Deutschland?

Blecking: Für die, die Fußball spielen, ist diese tolle WM unheimlich wichtig. Özil, Boateng, Trochowski - das könnten Rollenvorbilder werden.

SPIEGEL ONLINE: Und für die übrigen?

Blecking: Entscheidend wird sein, ob wir diesen auf dem Rasen gelebten kosmopolitischen Traum in den Alltag übersetzen können. In Frankreich hat man das nach dem WM-Titel 1998 auch gehofft, es aber nicht geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist zu tun?

Blecking: Wir erleben jetzt eine virtuelle Gemeinschaft, alle freuen sich, Jung und Alt, Arm und Reich, das ist aber eine sehr flüchtige Angelegenheit. Es kommt daher darauf an, ob über diesen Erfolg bald schon Geschichten erzählt werden, ob es Künstler, Wissenschaftler, Journalisten geben wird, die diesen Traum des »bunten« Deutschlands in den Alltag überführen.

SPIEGEL ONLINE: Wird das gelingen?

Blecking: Ich bin vorsichtig optimistisch.

Das Interview führte Jörg Diehl

 
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